Carl Maria von Weber

Missa sancta No. 1. Freischütz-Messe

Urtext, hg. von Karin Wollschläger, Partitur

Rubrik: Rezension
Verlag/Label: Carus
erschienen in: das Orchester 05/2022 , Seite 64

Zwar erscheint Carl Maria von Webers soge­nan­nte „Freis­chütz-Messe“ bis­lang immer wieder mal auf Ton­träger oder auf Konz­ert­pro­gram­men, doch ins Kern­reper­toire wan­derte sie eigentlich nie. Das ist schade bei ein­er so hochkaräti­gen Musik, die der Kom­pon­ist während sein­er Zeit als Dres­d­ner Kapellmeis­ter für seinen Dien­s­ther­rn König Friedrich August I. von Sach­sen komponierte.
Die Mis­chung aus präg­nan­ten Chor­pas­sagen, anspruchsvollen Solo-Abschnit­ten und einem far­bigen „roman­tis­chen“ Orch­ester ist über­aus gelun­gen und beweist, dass der Opernkom­pon­ist Weber auch auf dem Gebi­et der Kirchen­musik – die auch zu seinen Dres­d­ner Auf­gaben gehörte – etwas zu sagen hat­te. Ähn­lich wie die Büh­nenkom­pon­is­ten Mozart oder Ver­di ver­strömt Webers Sakral­w­erk einen starken drama­tisch-lyrischen Impuls. Die Musik reißt das Pub­likum ganz unmit­tel­bar mit und erre­icht das Herz. Insofern ist die Begeis­terung in der Dres­d­ner Hofkirche zu ver­ste­hen, wo die Messe am 24. März 1818 erst­mals kom­plett erk­lang. Den Namen „Freis­chütz-Messe“ erhielt sie bekan­ntlich deshalb, weil der Kom-pon­ist dafür die Arbeit an sein­er Oper Der Freis­chütz unter­brach. Doch auch eine stilis­tis­che Nach­barschaft zur Oper ist aus der Musik hier und da herauszuhören.
Eine von Karin Wollschläger betreute Neuaus­gabe des Carus-Ver­lags bringt das Werk jet­zt noch ein­mal ins Bewusst­sein – gut 20 Jahre, nach­dem die Par­ti­tur 1998 im Rah­men der Carl-Maria-von-Weber-Gesam­taus­gabe (hg. von Dag­mar Kre­her) bei Schott erschien, dort bere­its mit aus­führlichem Quel­lenüberblick, einem Verze­ich­nis der Lesarten und ein­er detail­lierten Werkbeschreibung.
Die Carus-Edi­tion rühmt sich nun allerd­ings als die „erste prax­is­na­he Aus­gabe“. So wur­den die Orch­ester­stim­men im Ver­gle­ich zum Auto­graf mod­ern ange­ord­net und die notierte Par­ti­tur fol­gt etwa „bei der Bogenset­zung […] nicht immer exakt den Quellen, son­dern inter­pretiert diese im Sinne der Auf­führbarkeit und klan­glichen Ein­heit“, so Wollschläger im umfan­gre­ichen Edi­tions­bericht. Diese Neuaus­gabe hat daher auch die Auf­führung­sprax­is im Blick, freilich ist sie gle­ich­falls sauber und aus­führlich ediert und enthält natür­lich auch ein Vor­wort zur Werkgeschichte.
Neben den bei­den Haup­tquellen (die Auto­grafe der Messe und des einzeln über­liefer­ten Offer­to­ri­ums in der Staats­bib­lio­thek Berlin, Preußis­ch­er Kul­turbe­sitz) wer­den mehrere Par­ti­tur-Abschriften mit hand­schriftlichen Ein­trä­gen des Kom­pon­is­ten herange­zo­gen, die sich eben­falls in Berlin sowie in der Säch­sis­chen Staats- und Uni­ver­sitäts­bib­lio­thek Dres­den befinden.
Die Neuaus­gabe dürfte auch deshalb Zus­pruch find­en, da man neben der hier besproch­enen Par­ti­tur (Carus 27.097) nun auch das kom­plette Orch­ester­ma­te­r­i­al (27.097/19) erst­mals kaufen kann – und nicht mehr auslei­hen muss. Ein Klavier­auszug und eine Chor­par­ti-tur run­den das Kom­plettpaket der Carus-Edi­tion ab. Sie wird in Zukun­ft neben dem Mate­r­i­al aus der Carl-Maria-von-Weber-Gesam­taus­gabe die Beschäf­ti­gung mit der „Freis­chütz-Messe“ bestimmen.
Matthias Corvin