Joseph Martin Kraus

Miserere

Urtext, Partitur

Rubrik: Rezension
Verlag/Label: Carus
erschienen in: das Orchester 9/2022 , Seite 64

Der in Mil­tenberg geborene Kom­pon­ist Joseph Mar­tin Kraus wird gerne auch der Oden­wälder Mozart genan­nt. Das hat nicht nur damit zu tun, dass seine Lebens­dat­en (1756–1792) sich mit denen Mozarts fast exakt deck­en, son­dern auch mit der Ähn­lichkeit in der Ton­sprache der bei­den Kom­pon­is­ten: Melo­di­en­freude und Terzenseligkeit, hinge­bungsvolle Liebe zu kleinen rhyth­mis­chen Details, klare Gliederun­gen und aus­geprägter Sinn für drama­tis­che Effek­te sind Aspek­te, die ger­ade auch in den Mozart’schen Vokalw­erken häu­fig zutage treten.
Das Mis­erere c‑Moll ent­stand ver­mut­lich bere­its 1773, als der 17-jährige Kraus in Erfurt Recht studierte, und auch wenn der Musik­wis­senschaftler Bertil van Boer, der in den 1980er Jahren das mehr als 200 Num­mern umfassende Verze­ich­nis von Kraus’ Werken erstellte, eher von den Jahren 1774/75 als Entste­hungs­da­tum aus­ge­ht, kann man doch fes­thal­ten: Der Kom­pon­ist war in jedem Falle erstaunlich jung dafür, ein so reifes und ein­drück­lich­es Werk zu schaf­fen. Dur­chaus eigen­willig in manch har­monis­ch­er Wen­dung fasziniert das Mis­erere dabei vor allem durch seine Sturm-und-Drang-Züge und die struk­turellen, har­monis­chen, dynamis­chen und melodiösen Gegen­sätze, die Kraus hier immer wieder gegeneinanderstellt.
Das Mis­erere beste­ht aus 13 Sätzen, von denen acht solis­tisch beset­zt sind. Es ver­langt je zwei Flöten, Oboen, Klar­inet­ten und Hörn­er, volle Stre­icherbe­set­zung, vier Vokalsolis­ten, Chor und Con­tin­uo und gehört damit sicher­lich nicht zu den Stück­en, die sich der durch­schnit­tliche Kirchen­chor mal so eben am Son­ntag leis­ten kann. Ander­er­seits ist es für den Chor nicht allzu anspruchsvoll zu proben und eignet sich ob sein­er Kürze (Auf­führungs­dauer etwa 30 Minuten) und der vie­len solis­tis­chen Sätze sicher­lich zur Kom­bi­na­tion mit anderen, ähn­lich beset­zten Werken für ein abend­fül­len­des Konz­ert. Für die Hörer:innen jeden­falls bietet es neben sein­er leicht­en Fass­barkeit auch echte Melo­di­en­freude und viel Abwechslung.
Die Chort­eile sind dabei meist homo­fon und rhyth­misch nicht allzu her­aus­fordernd angelegt; selb­st die abschließende Dop­pelfuge ist auch für einen Ama­teur­chor leicht zu bewälti­gen. Was etwas erstaunlich anmutet, ist allerd­ings der rel­a­tiv hohe Ambi­tus des Chor­so­prans, den Kraus näm­lich immer wieder zum b” hoch­jagt. His­torische Quellen bericht­en gle­ichzeit­ig, die Kirchen­musik in Erfurt hätte sich sein­erzeit in eher bekla­genswertem Zus­tand befun­den. War der Sopran da eine Aus­nahme, selb­st wenn man davon aus­ge­hen kann, dass der Stimm­ton damals auf 430 Hz oder gar noch tiefer gele­gen haben mag? Oder sang die Sopran­solistin den Chor­part mit?
Wie auch immer: Man möchte hof­fen, dass auch dieser in Druck und Satz makel­lose Teil der Gesamt­edition der Kraus’schen Werke – her­aus­gegeben übri­gens in bewährter Manier von Wol­fram Enßlin – dank dieser neuen Aus­gabe seinen Weg in das Reper­toire nicht nur einiger auf his­torische Auf­führung­sprax­is fokussiert­er Spezialensemb­les find­en möge, son­dern auch in das der deutschen Ama­teur­chor­land­schaft insgesamt.
Andrea Braun