Emmanuel Nunes

Minnesang/Musivus

SWR Vokalensemble, WDR Sinfonieorchester, Ltg. Emilio Pomàrico

Rubrik: CD
Verlag/Label: Wergo
erschienen in: das Orchester 06/2019 , Seite 64

Als Emmanuel Nunes, der hoch aufgeschossene Charak­terkopf im Schat­ten sein­er Lehrer Karl­heinz Stock­hausen und Pierre Boulez, im Jahr 2012 mit 71 Jahren stirbt, nehmen nur die weni­gen großen Feuil­letons Notiz vom Tod dieses eigen­willi­gen Klangza­uber­ers – obwohl er ein­er der bedeu­ten­den Elek­tron­iker sein­er Zeit ist, dem es nicht nur in seinem üppi­gen Vokalw­erk, dort aber beson­ders, um nichts weniger als das Ganze, die großen The­men des Dies- und Jen­seits gele­gen war.
Wenn nun die neue Auf­nahme des außeror­dentlich ver­sierten SWR-Vokalensem­bles seinen Min­nesang vor dem Ver­stauben in den Archiv­en (oder die Aus­gren­zung in die rel­a­tive Her­metik der Fes­ti­vals für Neue ­Musik) bewahrt, dann ist das an sich schon erfreulich. Gän­zlich Grund zum Feiern jedoch bietet die Qual­ität der Auf­nahme sowie die über­raschende Überzeitlichkeit dieser Musik, die Mitte der 1970er Jahre als eine der gelun­gen­sten Auseinan­der­set­zun­gen mit dem Instru­ment Stimme in sein­er reinen, der unbe­gleit­eten Form gel­ten darf.
24 Minuten währt die Ver­hand­lung des Textes aus der Fed­er des deutschen Mys­tik­ers Jakob Böhme, dessen pan­the­is­tis­che Speku­la­tio­nen nicht nur die deutschen Frühro­man­tik­er bee­in­flusste, son­dern auch das Fun­da­ment für die (Hegel’sche) Dialek­tik legte. Eine immense Textmenge voller Poe­sie im Span­nungs­feld von Natur und Jen­seits schließt Nunes für min­destens die halbe Zeit des Werks in einen sim­plen Vier-, manch­mal nur Zweik­lang ein, in dem zwölf Sänger, paar­weise im Raum verteilt, vokale Aus­drucks­for­men erproben: Gesang mit offen­em oder geschlosse­nen Mund, Sprechge­sang auf bes­timmten oder unbes­timmten Ton­höhen, frei glei­t­en­des Sprechen, rhyth­mis­ches Lesen in notiertem Ton­fall. Eine eige­nar­tig psalmodierende Litanei entspin­nt sich in Raum und Zeit, von dynamis­chen Extremen belebt, durch­zo­gen von Ver­ständlichem und Neb­ulösem, hoch vir­tu­os geschachtelt und rhyth­misiert. Zur Mitte hin verdichtet sich die sparsame Tonal­ität ins chro­ma­tis­che Total, um am Ende in Großer Terz und Großer Sekund zu verklin­gen.
Diesem wun­der­baren Früh­w­erk aus der Fed­er Nunes’ stellt die CD eine weit­ere nicht-elek­tro­n­is­che Kom­po­si­tion zur Seite: den Mitschnitt der Urauf­führung von Nunes’ erweit­ert­er (und finaler) Fas­sung des Orch­ester­w­erks Musivus, die im März 2001 das WDR Sin­fonieorch­ester unter Emilio Pomàri­co in Köln besorgte. Musivus befragt, eben­so wie Min­nesang, den Konz­er­traum selb­st auf seine Funk­tion für das Entste­hen von Klang und Bedeu­tung. Hier inter­agieren vier unter­schiedlich beset­zte Grup­pen auf vier getren­nten Podi­en miteinan­der in ein­er Musik, die aus kleinen „Zellen“ einen großen, 40-minüti­gen Organ­is­mus bildet. Ein bizarres, patch­workar­tiges Gebilde wächst in der hören­den Vorstel­lung zu einem sich aus sich selb­st her­aus immer wieder gebären­den Kos­mos. Der WDR und sein damals schon mit der Avant­garde über­aus ver­trauter Leit­er Pomàri­co erweisen sich als kom­pe­tente Sach­wal­ter von Nunes’ eigensin­niger Stimme im Konz­ert der Mod­erne.

Armin Kau­manns