Sandner, Wolfgang

Miles Davis

Eine Biographie

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: Rowohlt, Berlin 2010
erschienen in: das Orchester 03/2011 , Seite 61

„Etwas faszinierend Unnah­bares ging von den fünf Musik­ern aus, die so stoisch aneinan­der vor­beispiel­ten, und ich fragte mich, was Miles Davis mir mit sein­er Trompe­ten­zunge sagen wollte.“ Mit diesem per­sön­lichen Beken­nt­nis als junger Konz­ertbe­such­er begin­nt Wolf­gang Sand­ner seine Biografie der 1991 ver­stor­be­nen Jazz-Größe. Ein halbes Jahrhun­dert später erst hat der ehe­ma­lige Musikredak­teur der FAZ ver­standen, dass Miles Davis „stets neue Botschaften aus­ge­sandt hat, nie ste­hen blieb“. So ist die per­sön­liche Erfahrung mit dem „unruhig­sten Geist des Jazz“ Aus­gangspunkt ein­er neuen Biografie. Nicht die erste zwar, doch unter­schei­det sie sich angenehm von den anderen.
Die wech­sel­nden Botschaften des Kün­stlers bringt Sand­ner auf den Punkt. In nüchternem, schnörkel­losem Ton schildert er den Weg des Miles Davis, der aus bürg­er­lich-behüteter Fam­i­lie früh nach New York auf­bricht, um dort an der renom­mierten Juil­liard School zu studieren – und um Char­lie Park­er zu find­en, sein großes Idol. An der Seite des Bebop-Bar­den startet der Trompeter, unter dem ersten Ein­fluss von Clark Ter­ry, seine span­nende Kar­riere. Nach zöger­lichen Bebop-Erkun­dun­gen begrün­det Miles Davis den Cool Jazz, ist dann maßge­blich an der Entwick­lung des Hard Bop beteiligt, führt 1959 die modale Impro­vi­sa­tion in den Jazz ein, erfind­et die Fusion-Music, um schließlich mit Rap­pern gemein­same Sache zu machen. Glatt ver­lief diese Kar­riere freilich nie, wie der Autor betont.
Die zahlre­ichen Wand­lun­gen des Trompeters vom Bebop-Rev­oluzzer und Pio­nier des Cool zum elek­trischen Tüftler der späten Jahre gehen nicht ohne Brüche ab. Sie entsprechen, so Sand­ner, „zwis­chen lyrisch-intro­vertiert­er Kun­st und schrillem Bad-Boy-Gehabe“ ganz der Per­sön­lichkeit des Meis­ters. Die war nicht immer ohne. Wolf­gang Sand­ner zeich­net auch das Bild eines Mannes, der von Dro­gen und Krankheit­en zer­fressen wird. Er zitiert die Auto­bi­ografie, wo Miles von Dro­genexzessen, Frauengeschicht­en und musikalis­chen Visio­nen erzählt, dass den gemeinen
Leser das Grausen befällt. Doch mit Hil­fe von Frauen find­et „der einzige Pop-Star des Jazz“ immer wieder zum Leben zurück.
Obwohl Wolf­gang Sand­ner eine herkömm­liche Biografie liefert, ist sie nie von viel­er­lei Fak­ten beherrscht. Unter steter Gewär­ti­gung atmo­sphärisch­er Stim­mungen und Gefüh­le gelingt eine Annäherung an die Musik meis­ter­lich. Der Autor gibt sich nicht nur ver­siert und ken­nt­nis­re­ich, son­dern auch ana­lytisch und bild­haft. Er scheut nie den per­sön­lichen Blick, inter­pretiert und bezieht stets den musikalis­chen und gesellschaftlichen Kon­text mit ein. Reflek­tiert wer­den auch knapp ästhetis­che Debat­ten, die mit der Per­son von Miles Davis verknüpft sind. Wie zum Beispiel die, wie er den Jazz vom tiefen Enter­tain­ment zur hohen Kun­st erhob. Wohltuend, wenn gele­gentlich leise Zweifel den Autor befall­en und er den famosen Musik­er nicht als Aus­lös­er neuer Musik­for­men betra­chtet, „wohl aber (als) ihr Katalysator“. Doch das schadet der pack­enden Biografie, die mit Disko­grafie und klein­er Bib­li­ografie schließt, nicht. Sie ver­mit­telt auch Jazz-Ken­nern neue Ein­sicht­en.
Rein­er Kobe