Werke von Bartók, Ligeti, Kurtág und Kodály

Mikrokosmos – Seelenverwandtschaften

Vidor Nagy (Viola)

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Edition Hera
erschienen in: das Orchester 03/2019 , Seite 72

Ein exzel­len­ter Auftritt. Ein außergewöhn­lich­es Pro­gramm. Ein faszinieren­des Ambi­ente. Und das alles dop­pelt – als solle sich beim ein­stündi­gen Vor­trag dieser 17 Stücke für Solo-Bratsche nicht der ger­ing­ste Anschein von Ein­för­migkeit ein­stellen: zwei inhaltliche Leit-Motive; zwei ver­schiedene Medi­en-For­mate als Audio-CD und Video-DVD; zwei auf­schlussre­iche Auftrittsorte, die schlichte Reformierte Kirche in Alsöörs (Ungarn) und die fes­tlich geschmück­te Evan­ge­lisch-Lutherische Kirche in Cluj-Napoca (Rumänien).
Vidor Nagy ist der Akteur in diesem vielver­sprechen­den Umfeld und ein ide­al­er Inter­pret der See­len­ver­wandtschaften. In Budapest geboren, an der dor­ti­gen Musikakademie und in Det­mold aus­ge­bildet, dreißig Jahre als 1. Solo-Bratsch­er beim Staat­sor­ch­ester Stuttgart wirk­end und zudem mit vie­len Inter­na­tionalen Auftrit­ten, Urauf­führun­gen und CD-Ein­spielun­gen her­vor­ge­treten, ver­fügt er über das nötige Gespür und Geschick, um die Charak­tere und Inten­tio­nen sein­er Land­sleute meis­ter­haft zur Gel­tung zu brin­gen. See­len­ver­wandt sind sie in ihrer Herkun­ft aus der ungarisch-sieben­bür­gis­chen Region, im Wider­stand gegen poli­tis­che Sys­teme und die ide­ol­o­gis­che Vere­in­nah­mung der Folk­lore und in ihrer Ver­wurzelung in authen­tischer Volksmusik. So sind denn auch indi­vidu­elle Freiräume und eine extreme musikalis­che Feinar­beit ihr Mikrokos­mos.
Beziehungsvoll ger­ahmt wird Nagys Auftritt von den bei­den Klas­sik­ern der ungarischen Mod­erne Béla Bartók und Zoltán Kodá­ly; sie gaben die Musik­sprache und die Tra­di­tio­nen vor, die Györ­gy Ligeti und Györ­gy Kurtág als renom­mierteste Vertreter der nach­fol­gen­den Gen­er­a­tion aufge­grif­f­en haben. Und die Bin­nen­form der Werke liefert auch die Vor­lage für das Gesamt­pro­gramm – es erscheint als großer Bogen, als Brück­en­schlag, der Charak­tere und Kul­turen verbindet.
Bartóks Sonate für Vio­line solo, die hier in ein­er Bear­beitung für Vio­la erklingt, ent­stand 1943/44 im New York­er Exil für Yehu­di Menuhin, dessen Bach-Spiel zur Inspi­ra­tionsquelle für den Kom­pon­is­ten wurde. Strenge, spröde Klan­glichkeit, kun­stvoll stil­isierte alte Tänze und poly­fone For­men ste­hen im wirkungsvollen Kon­trast zu schönem Volk­slied­me­los und emo­tionaler Wärme. Das Wech­sel­spiel zwis­chen Vir­tu­osität und Kon­tra­punk­tik führt auch Ligetis Sonate für Vio­la solo (1991/94) vor. Dessen ständi­ges Suchen und Find­en, das Rin­gen mit dem und um das Mate­r­i­al zeigt sich in barock­en Rem­i­niszen­zen und osteu­ropäis­chen Folk­lore-Into­na­tio­nen eben­so wie in Lati­no-Har­monien und Jazz-Anlei­hen. Kurtágs sechs Minia­turen Jelek („Zeichen“) für Vio­la solo von 1961 sind hinge­gen gän­zlich durch die kristalli­nen Struk­turen Anton Weberns bee­in­flusst; sie treten als Mikro-Struk­turen und Mikro-For­men auf, die keines­falls sprach­los bleiben mit ihren Tem­po-Vor­gaben, die auch Aus­drucks-Chiffren sind. Den wohli­gen Schlusspunkt in diesem ful­mi­nan­ten Pro­gramm und Konz­ert set­zt Kodálys Ada­gio aus dem Jahr 1905 – ein Jugendw­erk voller roman­tis­ch­er und Impres­sion­is­tis­ch­er Züge, kom­poniert an der Schwelle zu den fol­gen­den Folk­lore-Stu­di­en. Auch das ein Zeichen von kul­tureller Vielfalt und schöpferischem Neube­ginn – wie alle diese Kom­po­si­tio­nen…
Eber­hard Kneipel