Werke von Schostakowitsch, Pärt und Weinberg

Michail Jurowski in Gohrisch. Internationale Schostakowitsch Tage Gohrisch

Evelina Dobraceva (Sopran), Marina Prudenskaya (Mezzosopran), Vsevolod Grivnov (Tenor), Staatskapelle Dresden, Ltg. Michail Jurowski

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Berlin Classics
erschienen in: das Orchester 12/2017 , Seite 66

Mit diesem Fes­ti­val ist der Staatskapelle Dres­den ein beson­der­er Coup gelun­gen. Seit 2010 bere­ich­ern die Inter­na­tionalen Schostakow­itsch Tage in Gohrisch den Konz­ertkalen­der. Dabei wird nicht nur das Schaf­fen des rus­sisch-sow­jetis­chen Kom­pon­is­ten gepflegt, son­dern zugle­ich dessen Erbe: Es kom­men auch Werke von Kom­pon­is­ten zu Gehör, die direkt oder indi­rekt mit ihm in Verbindung ste­hen. Und dies am his­torischen Ort, denn hier, in der Säch­sis­chen Schweiz, weilte Schostakow­itsch zwei Mal, um sich auszukuri­eren. In Gohrisch hat er überdies 1960 sein bekan­ntes Stre­ichquar­tett Nr. 8 op. 110 geschrieben.
So ist es nur kon­se­quent, dass die erste CD mit Auf­nah­men aus Gohrisch mit der Kam­mersin­fonie op. 110a begin­nt. Dabei han­delt es sich um eine Orchestrierung des Quar­tetts von Rudolf Bar­shai. Am Pult ste­ht Michail Jurows­ki, ein Gohrisch-Mit­stre­it­er der ersten Stunde und Schostakow­itsch-Ken­ner. Sein Vater war mit dem Meis­ter befre­un­det und Jurows­ki erlebte Schostakow­itsch schon als Kind.
Umso „glaub­würdi­ger“ wirkt seine Inter­pre­ta­tion: Das erschüt­ternd per­sön­liche Requiem, welch­es Schostakow­itsch mit dem 8. Streich­quartett Dres­den (1960) für sich selb­st kom­poniert hat­te, wird höchst inten­siv durch­drun­gen. Unter Jurows­ki schwingt stets der zei­this­torische Kon­text mit, und der Diri­gent weiß aus eigen­er Erfahrung, was hier gemeint ist. Auch die zahlre­ichen Zitate wer­den klar benan­nt: ein vieldeutiges und zugle­ich ein­deutiges inter­textuelles Puz­zle. Jurows­ki dirigiert auch die anderen Liveauf­nah­men aus den Jahren 2010, 2012 und 2013.
Das Pro­gramm ist klug zusam­mengestellt. So passt die folk­loris­tisch gefärbte Rhap­sodie über moldaw­is­che The­men op. 47 Nr. 1 von Mieczys­law Wein­berg bestens zu Schostakow­itschs Vokalzyk­lus Aus jüdis­ch­er Volk­spoe­sie op. 79a mit Sopran, Mez­zoso­pran und Tenor. Wein­berg war ein indi­rek­ter Schüler Schostakow­itschs. Für Wein­berg hat sich Schostakow­itsch überdies tatkräftig einge­set­zt, als dieser als pol­nis­ch­er Jude im anti­jüdis­chen Spät­stal­in­is­mus ver­fol­gt wurde. Sowohl in Wein­bergs Rhap­sodie wie auch im Vokalzyk­lus von Schostakow­itsch nimmt Jurows­ki die Tem­pi wohltuend fließend.
Überdies verzicht­en im Vokalzyk­lus auch die Solis­ten auf sen­ti­men­tale Lar­moy­anz: eine stil­gerechte Befreiung von Klis­chees. Umso wirkungsvoller wer­den die Dra­matik und die Aus­sage geschärft. Unter Jurows­ki erklingt ein erschüt­tern­des Mah­n­mal gegen jed­wede Unter­drück­ung. Immer­hin wird im Wiegen­lied ein Vater besun­gen, der sich „in Sibirien quält“: in einem der vie­len Straflager, die noch heute existieren.
Der Can­tus in Mem­o­ry of Ben­jamin Brit­ten von Arvo Pärt run­det diese hörenswerte CD ab. Mit Brit­ten ver­band Schostakow­itsch bekan­ntlich eine enge Kün­stler­fre­und­schaft.
Mar­co Frei