Bach, Johann Sebastian

Messe h‑Moll BWV 232

Rubrik: DVDs
Verlag/Label: EuroArts 2054518
erschienen in: das Orchester 06/2006 , Seite 89

Die vor­liegende Auf­nahme von Bachs h‑Moll-Messe ist aus beson­derem Anlass ent­standen. Der Gewand­hauskapellmeis­ter Her­bert Blom­st­edt been­dete 2005 nach sieben Jahren seine Leipziger Tätigkeit und das hier doku­men­tierte Konz­ert war ein­er der bilanzieren­den Schlusspunk­te sein­er musikalis­chen Aktiv­itäten. Dem­nach liegt hier der Mitschnitt eines sin­gulären Konz­erts vor; die mod­erne Auf­nah­me­tech­nik ermöglicht das nachträgliche Miter­leben eines konz­er­tan­ten Höhep­unk­ts.
Natür­lich stellt sich die Frage: Wen inter­essiert eigentlich der Mitschnitt eines einzel­nen, wenn auch gewiss gelun­genen Konz­erts außer jene, die mit dabei waren? Nichts näm­lich an diesem Doku­ment ist spek­takulär oder ungewöhn­lich – wed­er fällt die musikalis­che Dar­bi­etung aus dem Rah­men noch bietet der visuelle Anteil der Aufze­ich­nung Beson­der­heit­en, noch sind die Mitwirk­enden außergewöhn­lich berühmt.
Zum Bil­dan­teil: Wir blick­en in die Leipziger Thomaskirche, die Kam­era zeigt uns die Totale mit gele­gentlich unschön stürzen­den Lin­ien, wir sehen das Pub­likum und auch manch­es Detail des his­torisch so bedeu­tungss­chw­eren Gebäudes. Wir kön­nen den Diri­gen­ten bei sein­er völ­lig uneitlen und äußerst konzen­tri­erten Beruf­sausübung beobacht­en und uns dabei ein wenig durch sein sehr aus­geprägtes „Voraus­di­rigieren“ irri­tieren lassen. Wir sehen, wie üblich, einzelne Musik­er und Chorsänger oder auch kleinere und größere Grup­pen, wie sie stre­ichen, blasen und sin­gen oder am Orgel­pos­i­tiv die Tas­ten drück­en – mehr und vor allem andere Dinge kann man ja auch kaum zeigen, wenn eine Messe auf der Empore ein­er Kirche aufge­führt wird. Ein­er ana­lytis­chen Durch­dringung von Bachs kom­plex­er Par­ti­tur allerd­ings kom­men wir auf diesem Weg kaum näher – wollte man polemisieren, dann müsste man fest­stellen: Hier ist wieder ein­mal auf ganz kon­ven­tionelle Weise Musik abge­filmt wor­den oder pos­i­tiv: Man hat eben ein ein­ma­liges Ereig­nis doku­men­tiert, so gut es unter diesen Umstän­den geht.
So ist zu kon­sta­tieren: Bei aller hohen tech­nis­chen Qual­ität der­ar­tiger DVD-Pro­duk­tio­nen ist der Beitrag der visuellen Kom­po­nente am Gesamtergeb­nis let­ztlich sekundär und eigentlich ent­behrlich. Eine CD-Pro­duk­tion hätte es mit Sicher­heit auch und vielle­icht bess­er getan. Möglicher­weise würde man ohne die Ablenkung durch das Auge manche gelun­gene Einzel­heit dieser Auf­führung sog­ar direk­ter erleben und würdi­gen kön­nen. Denn es wird auf durch­weg hohem Niveau musiziert: Alle Solis­ten – als Quar­tett homogen und stil­sich­er –, der bestens von Morten Schuldt-Jensen vor­bere­it­ete Chor und das aus­geglichen beset­zte Orch­ester ver­mö­gen zu überzeu­gen. Stilis­tisch mei­det man Exper­i­mente, alle Phrasierun­gen, alle dynamis­chen Abstu­fun­gen sind durch­dacht und überzeu­gend ein­studiert, Erfahrun­gen der his­torischen Auf­führung­sprax­is (kaum Stre­ich­er-Vibra­to!) wer­den behut­sam und unauf­fäl­lig ein­be­zo­gen. Inge­samt ergibt sich der Ein­druck ein­er unge­mein ein­heitlichen, dabei eher ver­hal­te­nen, bisweilen auf sym­pa­this­che Weise fast scheuen, nach innen gekehrten Auf­führung.
Arnold Wern­er-Jensen