Helmut Schmidinger

Ménage à trois

9 Konstellationen für Streichtrio

Rubrik: Noten
Verlag/Label: Doblinger
erschienen in: das Orchester 05/2020 , Seite 69

Für viele stellt das Stre­ichtrio, gebildet aus Vio­line, Bratsche und Vio­lon­cel­lo, eine der heikel­sten Beset­zun­gen in der Kam­mer­musik dar: abso­lut trans­par­ent im Klang, anspruchsvoll im Zusam­men­spiel und ohne die Möglichkeit für den einzel­nen Musik­er, sich in irgen­deinem größeren instru­men­tal­en Kollek­tiv zu „ver­steck­en“. Klar, die Geige muss nicht wie im Stre­ichquar­tett von Zeit zu Zeit die Rolle der Pri­madon­na abgeben – aber aus­ruhen kann sie sich eben auch nicht. Die Vio­la dage­gen ist im Stre­ichtrio auch in den hohen Lagen gefordert, muss gle­ichzeit­ig aber den Brück­en­schlag zum Bass gewährleis­ten. Und das Cel­lo ist min­destens Tenor und Bass in ein­er Stimme.
Unklare Ver­hält­nisse und eine flex­i­ble Rol­len­verteilung also. Auch deshalb passt Hel­mut Schmidingers Titel Ménage à trois so gut! Mit dem Unter­ti­tel „9 Kon­stel­la­tio­nen“ führt der 1969 in Wels in Oberöster­re­ich geborene Kom­pon­ist allerd­ings zunächst ein wenig in die Irre. Denn in diesem Stre­ichtrio gilt: Alle spie­len immer. Es geht also nicht um die Reduk­tion zum Duo (damit kön­nte man ja schon drei Kon­stel­la­tio­nen bew­erk­stel­li­gen) oder gar um solis­tis­che Abschnitte. Schmidinger geht es eher darum, wo jew­eils in den ver­schiede­nen Kon­stel­la­tio­nen die Führungsrolle liegt, wer imi­tiert; wer den Takt vorgibt und wer eher dage­gen hält; oder wer klan­glich dominiert und wer sich eher ton­lich im Hin­ter­grund hält.
Her­aus kom­men qua­si im Minu­ten­takt neun schön konzen­tri­erte Minia­turen, die das Medi­um Stre­ichtrio einiger­maßen voll­ständig aus­loten, sofern es um klas­sis­che Spiel­tech­niken geht, die der Kom­pon­ist nicht mit allzu vie­len Spielan­weisun­gen über­frachtet. Optisch ist in der Par­ti­tur eh meist sofort klar, wo die musikalis­che Reise hinge­hen soll.
Hel­mut Schmidinger nutzt eine große dynamis­che Band­bre­ite der drei Stre­ich­er, während er auf extreme Lagen fast ganz verzichtet. Mit Klän­gen, nicht mit Geräuschen, und mit ein­er fast pausen­losen Beschäf­ti­gung aller drei Stre­ich­er entwirft der Kom­pon­ist ein Dreiecks-Bild, das laut eigen­er Aus­sage im Vor­wort weniger Psy­chogramm als vielmehr ein Aufzeigen musikalis­ch­er Möglichkeit­en sein soll.
Das geht ein­her mit dur­chaus hohen Ansprüchen an die tech­nis­chen Fer­tigkeit­en der Ensem­blemit­glieder. Vio­line, Vio­la und Vio­lon­cel­lo haben in dem 2017 ent­stande­nen Werk „gut zu tun“ und müssen vor allem rhyth­misch per­fekt abges­timmt sein. Spätestens hier wird dann auch klar, dass der Titel Ménage à trois eher auf eine flüchtige Inspi­ra­tion denn auf eine reale Abbil­dung außer­musikalis­chen Geschehens zurück­zuführen ist. Denn so per­fekt bal­anciert wie in diesem Stre­ichtrio wird sich eine häus­liche Dreierkon­stel­la­tion kaum je zeigen kön­nen.
Daniel Knödler