Milan Mihajlovic´

Memento. Orchestral Works

Brandenburgisches Staatsorchester Frankfurt (Oder), Ltg. Howard Griffiths

Rubrik: CDs
Verlag/Label: cpo
erschienen in: das Orchester 06/2020 , Seite 73

Ein­prägsame The­men, ein­dringliche Emo­tio­nen und fan­tasievolle For­men – Milan Miha­jlović zählt zu jenen Kom­pon­is­ten aus Osteu­ropa,  dem Kauka­sus und den Balkan­län­dern, die der Folk­lore nach wie vor Aufmerk­samkeit wid­men und ihr kreative Impulse abgewin­nen und die so die Mod­erne um indi­vidu­elle Facetten bere­ich­ern kön­nen. Und Miko­laj Gorec­ki (Sin­fonie der Klagelieder), Gija Kantsche­li (Vom Winde beweint) oder Woj­ciech Kilar (Orawa, Krze­sany) haben ihn wohl zudem men­tal wie musikalisch inspiri­ert.
Schon die kon­trastre­ichen Bagatellen für Vio­line, Stre­ich­er und Cem­ba­lo am Beginn dieser Werkauswahl aus den Jahren 1986 bis 2014 oder auch der luzide Gesang der Vio­line samt sein­er osti­nat­en Pizzika­to-Begleitung in der Elegie für Stre­ich­er sind in der jugoslaw­is­chen Volksmusik ver­wurzelt: Die langsamen Sätze erin­nern an die alten Lieder­sänger und Gus­la-Spiel­er, die schnellen lassen den dör­flichen Reigen­tanz Kolo aufleben. Doch solche Anklänge wer­den auch immer wieder ver­fremdet: Das Cem­ba­lo agiert nicht nur als bril­lanter Spiel­part­ner, son­dern auch als geräuschvoller „Stören­fried“. Die üppig drapierten Folk­lore-Into­na­tio­nen besitzen strenge Struk­turen, entwick­elt aus Skr­jabins „mys­tis­chem Akko­rd“, aus Mes­si­aens zweit­em Modus sowie aus min­i­malen motivis­chen Keimzellen. Und 1983 haben die Not­turni für Stre­ichquar­tett und Bläserquin­tett eine Syn­these von „pol­nis­ch­er Schule“ und klas­sizis­tis­chem Stil vol­l­zo­gen. Milan Miha­jlović wurde am 3. Juli 1945 in der ser­bis­chen Haupt­stadt Bel­grad geboren, wo er das Gym­na­si­um, die Musikschule und die Musikakademie besuchte, Klavier und Musik­the­o­rie, Dirigieren und Kom­po­si­tion studierte und danach die gesamte akademis­che Lauf­bahn vom Assis­ten­ten bis zum Pro­fes­sor durch­lief. Mit seinem umfan­gre­ichen Wis­sen und Kön­nen bringt sich der Kün­stler bis heute auf vielfältige Weise ins ser­bis­che Musik­leben ein, und seine Werke – oft mit Preisen geehrt – erklin­gen auch in der Ton­halle Zürich, der New York­er Carnegie Hall und der Berlin­er Phil­har­monie, in Lon­don, Syd­ney und Dijon. Werk­ti­tel wie Melan­cholie für Oboe, Stre­ich­er und Klavier oder Elegie für Stre­ich­er beschreiben einen wesentlichen Aus­drucks­bere­ich in Miha­jlovićs Schaf­fen, indes Fa-mi(ly) für Stre­ich­er und Klavier als spielerisch ele­gantes Konz­ert­stück daherkommt, das sein Kern-Inter­vall oben­drein im Namen trägt. Märchen­haft ferne Klänge, gärende Unruhe und drama­tis­che Steigerun­gen, ein Höhep­unkt, der sein Pathos selb­st in Frage stellt und stattdessen in einen ergreifend­en Stre­icher­choral und das ein­same Flöten­so­lo des Beginns mün­det – das alles formt das Memen­to für Orch­ester zu einem großar­ti­gen und berühren­den Ton­po­em voller Reflex­io­nen über das Leben, das Infer­no und die Ewigkeit. Mit den exzel­len­ten deutschen Erstein­spielun­gen dieser Werke ermöglichen das Ent­deck­er-Label cpo und das große Engage­ment des Diri­gen­ten, der sechs Solis­ten und des Orch­esters einen beein­druck­enden Ein­blick in das Schaf­fen des ser­bis­chen Kom­pon­is­ten Milan Miha­jlović. Und das imponiert!
Eber­hard Kneipel