Döhl, Friedhelm

Melancolia/Gesang der Frühe

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Dreyer Gaido CD 21037
erschienen in: das Orchester 02/2008 , Seite 65

Dür­ers Melen­co­l­ia I gehört, wie es in der Mono­grafie von Ray­mond Kliban­sky, Erwin Panof­sky und Fritz Saxl for­muliert wird, „zu den­jeni­gen Kunst­werken, die auf die Phan­tasie der Nach­welt eine gewaltige Macht aus­geübt zu haben scheinen“. Dass dieses Bild in sein­er Vielschichtigkeit, Rät­sel­haftigkeit und struk­turellen Per­fek­tion bis heute lebendig blieb und das magisch Unfass­bare berührt, beweisen Ver­suche mehrerer Kün­stler, die sich mit Dür­ers Vor­lage auseinan­derge­set­zt haben.
Um eine bemerkenswerte Kom­po­si­tion han­delt es sich bei Melancolia/ Magis­che Quadrate für großes Orch­ester mit Chor und Sopran­so­lo (1967/68) von Fried­helm Döhl. Neben Emo­tionalem und Ratio­nalem, Tem­pera­ment­be­zo­gen­em und strikt Durchkom­poniertem, „Math­e­ma­tis­chem“, überzeugt auch der Reich­tum des Musikalisch-Tech­nis­chen, Klang­far­blichen und Struk­turellen, das tra­di­tions­be­zo­gen und inno­v­a­tiv immer durch einen unverkennbaren markan­ten, erstaunlich reifen Stil eines jun­gen Kün­stlers geprägt ist. Die Kom­po­si­tion überzeugt durch organ­is­ches Wach­s­tum, ewige Meta­mor­phose, die sowohl die streng gestal­teten Geset­ze und Gren­zen als auch das Bewegliche in Form, Mate­r­i­al, Gewebe, Klang, Ton, Geräusch, Wort bes­timmt. Diese Eigen­schaften find­en eine ver­ständ­nisvolle und höchst kom­pe­tente Ver­wirk­lichung durch Edith Gabry (Sopran) sowie Köl­ner Rund­funk­chor und Rund­funk-Sin­fonie-Orch­ester, geleit­et von Christoph von Dohnányi.
Gesang der Frühe (Dia­log mit Schu­mann) für großes Orch­ester (2005/06), inspiri­ert durch konkrete tragis­che Ereignisse und Erleb­nisse, weist auf genaue Aus­gangspunk­te und his­torische Quellen hin, die wiederum in vie­len Schicht­en, Dimen­sio­nen, Ver­flech­tun­gen, Ent­fer­nun­gen und Andeu­tun­gen sich gegen­seit­ig reflek­tieren. Deut­liche Verknüp­fun­gen mit Schu­mann machen Gesang der Frühe keineswegs zu ein­er Para­phrase oder „Bear­beitung“. Vielmehr repräsen­tiert das Stück eine Art „Fan­tasie“: „Roman­tik im weit­eren Sinn“, so der Kom­pon­ist, „von Hölder­lin, Novalis, Jean Paul über Schu­mann, Mahler zu Rothko, Fran­cis Bacon und Ernst Bloch“. Gesang der Frühe wird überzeu­gend inter­pretiert vom Phil­har­monis­chen Orch­ester der Hans­es­tadt Lübeck unter der Leitung von Roman Brogli-Sach­er, der wesentlich zum Entste­hen des Werks beitrug.
Die bei­den live einge­spiel­ten Urauf­führun­gen machen deut­lich, dass die Stücke trotz unter­schiedlich­er Grun­dideen und kom­pos­i­torisch­er Ver­fahren „gewach­sene Ringe“ eines „Zyk­lis­chen“ darstellen, wie der Kom­pon­ist sein Leben und Schaf­fen definiert. Der Begleit­text im Book­let, ver­fasst von Jan Ten­holter, liefert wertvolle Infor­ma­tio­nen.
Mari­na Lobanova