Nikolaus Harnoncourt

Meine Familie

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: Residenz
erschienen in: das Orchester 02/2019 , Seite 59

Sein Tauf­name Johann Nico­laus Graf de la Fontaine und d’Harnoncourt-Unverzagt weist auf einen europaweit (Frankre­ich bis Ungarn) verzweigten Clan, von dem er allerd­ings nicht wie ein Chro­nist über Meine Fam­i­lie erzählt, son­dern in kurzen Episo­den aus über­liefer­ten Geschicht­en oder eige­nen Erleb­nis­sen. Dabei porträtiert der Pio­nier der his­torischen Auf­führung­sprax­is, bekan­nt als Niko­laus Harnon­court (1929–2016), sowohl den Lebensstil der öster­re­ichis­chen Lin­ie Mer­an sein­er Mut­ter als auch Per­so­n­en aus dem franzö­sis­chen Harnon­court-Stamm­baum seines Vaters.
Eingeprägt hat sich ihm vor allem der harte Erziehungs- und Ver­hal­tenskodex, dem er sich sozusagen sub­ver­siv und erfol­gre­ich wider­setz­te und ent­ge­gen den Erwartun­gen Musik­er wer­den kon­nte. Das strenge großel­ter­liche Reg­i­ment wird mit liebevoll-iro­nis­ch­er Dis­tanz geschildert, auch skur­rile Fig­uren wie ein Handw­erk­er, der eine Schnaps­flasche als Wasser­waage benutzte.
Abge­se­hen davon fan­den im 20. Jahrhun­dert nach­haltige Verän­derun­gen im Sta­tus und Selb­stver­ständ­nis sein­er Ver­wandtschaft statt: „Als klein­er juiris­tisch-tech­nis­ch­er Beamter (Inge­nieur) wurde mein Vater bürg­er­lich­er und wir, seine Kinder, spürten über­haupt nichts mehr von der Herkun­ft unser­er Eltern. Wohnen, Leben, Inter­essen, Bil­dung fol­gten den bürg­er­lichen Kon­ven­tio­nen“, erin­nert sich Harnon­court. Er empfind­et diese soziale Auflö­sung alter Struk­turen aber nicht als (Prestige-)Verlust. Viel­mehr stellt er nüchtern fest, dass ins­beson­dere nach dem Zweit­en Weltkrieg harte Fak­ten das von ihm soge­nan­nte Aris­to-Leben bes­timmten: „Behaupten kon­nte sich, wer Phan­tasie, Tal­ent und den nöti­gen Fleiß hat­te, wer bere­it war, auf gewohnte Annehm­lichkeit­en und Bequem­lichkeit­en zu verzicht­en und anzu­pack­en: zu ler­nen und zu arbeit­en.“
Diesem Ethos seines Vaters, ent­standen aus Ent­behrun­gen und Kämpfen um eine beru­flich sichere Exis­tenz, fol­gte Niko­laus Harnon­court for­t­an. Dazu gehörte außer einem neuen Modus Viven­di auch eine dezi­dierte Abgren­zung zur Na­zi-Poli­tik, die inner­halb der Fam­i­lie von den meis­ten vol­l­zo­gen wurde, und schließlich sein Beken­nt­nis zum Paz­i­fis­mus. Dem entspricht ein indi­rektes Plä­doy­er für den Respekt zivil­er Werte, von Harnon­court durch „Auszüge aus Tante Renatas und Ger­hards Bericht über ihre Zeit in sow­jetis­ch­er Haft“ ange­fügt, ein erschüt­tern­des Doku­ment men­schlich­er Lei­dens­fähigkeit und bewun­derungswürdi­ger Charak­ter­fes­tigkeit.
Ergänzt wird diese per­sön­liche, manch­mal über­raschend selb­stkri­tis­che Fam­i­liengeschichte um sechs Essays: „Der gute Geschmack“, „Lüge – Meineid“, „Lachen und Lächeln“, „Zwei Essays zum Balthasar-Neu­mann-Jahr“ und „Weg in die Irre“, Let­zteres ein Beitrag zur Musikrezep­tion, die sich Niko­laus Harnon­court als echte Auseinan­der­set­zung (statt „destruk­tivem Kun­st­genuss“) wün­scht.
Dieses biografis­che Buch, kolo­ri­ert im öster­re­ichis­chen Vok­ab­u­lar, bietet also zunächst Innenan­sicht­en ein­er riesi­gen aris­tokratis­chen Fam­i­lie. Darüber hin­aus sind zeit- und kul­turhis­torische Hin­ter­gründe stets präsent, sodass die Lek­türe auch für Uneingewei­hte von Inter­esse ist.
Hans-Dieter Grüne­feld