Sophia Mott

Mein Engel, mein alles, mein Ich

Beethoven und die Frauen

Rubrik: Buch
Verlag/Label: Blue Notes/Ebersbach & Simon
erschienen in: das Orchester 06/2020 , Seite 60

Kün­st­lerisch hat Beethoven eine faszinierende Frau geschaf­fen: diese Leonore alias Fide­lio. Anders im realen Leben … Inmit­ten der Flut von Büch­ern zum Jubiläum­s­jahr ist also ein Büch­lein zu den Frauen in Beethovens Leben ange­bracht. Erfreulicher­weise legt die Autorin Sophia Mott keinen zeitak­tuellen fem­i­nis­tis­chen Maßstab an die Prob­lematik. Vielmehr scheinen das musikalis­chkün­st­lerische und dann musik­wis­senschaftliche Studi­um ihr den Zeit­geist des aus­ge­hen­den 18. und frühen 19. Jahrhun­derts ein­sichtig gemacht zu haben: den Wirbel von Sturm und Drang, Rev­o­lu­tion und befreien­dem Auf­bruch, Frühro­man­tik und Klas­sik, die vir­u­lente Prob­lematik der trotz Rev­o­lu­tion restau­ri­erten Standes­ge­sellschaft. Da sie fol­glich den „Titan LvB“ erfreulicher­weise nicht hero­isiert und auch die Frauen­welt sein­er Leben­szeit nicht verk­lärt, gelingt ihr ein his­torisch in vielem tre­f­fend­es Zeit­bild: ein Schuss Leichtlebigkeit aus dem galanten Zeital­ter her­aus, ein Schuss roman­tis­che Verk­lärung zwis­chen­men­schlich­er Gefüh­le – bei­des flüs­sig-lock­er dargestellt und dann herb real­is­tisch einge­holt von häu­fi­gen Schwanger­schaften, Geld­nöten und adeli­gen Zwän­gen. Auch im Pri­vatleben wird Beethoven von Kind­heit an als emo­tionaler Hitzkopf erkennbar. Daraus erwächst ein bunter Reigen an Jugend­lieben, die alle uner­füllt bleiben. Dann bildet sich in Wien ein großer Kreis weib­lich­er Verehrerin­nen, von denen ein Gut­teil in den damals üblichen Amulett- oder kleinen Öl-Porträts abge­bildet ist. Mott unter­schlägt die damals blühende Pros­ti­tu­tion nicht, zitiert Beethovens verk­lausulierte Verurteilun­gen des „Gewerbes“, ver­mutet seine lange „Jungfräulichkeit“, belegt unge­ord­nete Lebens­führung, seine Angst vor und den­noch Sehn­sucht nach Bindung. Zu Recht zen­tral ist die langjährige, men­schlich tiefe Beziehung zu Gräfin Josephine von Brunsvik-Deym dargestellt und Autorin Mott schließt sich dem Teil der Beethoven-Forsch­er an, die in ihr die Adres­satin des Briefes „an die unsterbliche Geliebte“ sehen. Dafür ist die wom­öglich aus der einzi­gen Liebesnacht der bei­den her­vorge­gan­gene Tochter „Minona“ – das Akro­nym für „Anon­i­ma“ – etwas zu periph­er dargestellt; die kür­zlich in Regens­burg uraufge­führte Oper Minona existierte bei Druck­le­gung von Motts Buch noch nicht. Auch wenn Bet­ti­na von Arn­im, Rahel Varn­hagen, Gräfin Erdődy und Antonie Brentano kurz den schw­er­höri­gen Unge­bärdi­gen umturteln: Er bleibt ohne dauer­hafte Beziehung. Therese, die mit ihr innig ver­traute Schwest­er Josephines, ver­merkt im Alter: „Josephines Haus- und Herzens­fre­und! Sie waren füreinan­der geboren.“ Doch Beethoven blieb nach vie­len Klavier– und Lied­wid­mungen nur die Kom­po­si­tion von „diesen Kuss der ganzen Welt“.
Wolf-Dieter Peter