Georg Anton Benda

Medea

Ein mit Musik vermischtes Melodram. Version von 1784 Katharina Thalbach (Sprecherin), Capella Aquileia, Ltg. Marcus Bosch

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Coviello Classics
erschienen in: das Orchester 06/2021 , Seite 67

Wenn man heute eine Sit­u­a­tion oder ein Ver­hal­ten als melo­drama­tisch beze­ich­net, dann ist das gewiss nicht als Kom­pli­ment zu ver­ste­hen. Im 18. Jahrhun­dert dage­gen war das Melo­dram eine äußerst beliebte Gat­tung des Musik­the­aters. Insofern liegt mit der hier vorgestell­ten CD ein ver­di­en­stvolles Doku­ment vor, das unseren Blick auf eine ver­gan­gene musikgeschichtliche Epoche zu schär­fen und zu bere­ich­ern ver­mag. Ben­das Medea war in jen­er Zeit unge­mein erfol­gre­ich, sog­ar Mozart hat sich dazu begeis­tert geäußert. Das Beglei­theft der CD gibt hierzu hil­fre­iche Informationen.
Alle­in­stel­lungsmerk­mal des Melo­drams ist das Nebeneinan­der von gesproch­en­em (nicht gesun­genem) Text und kom­men­tieren­der Instru­men­tal­musik. Bei­de Parts alternieren im Regelfall oder über­schnei­den sich auch gele­gentlich: Kurze musikalis­che Phrasen gehen der ver­balen Aus­sage entwed­er voraus oder wer­den ihr nachgestellt. Die Nähe zur Pro­gram­musik ist dabei unüber­hör­bar, bis hin zu Gewit­ter- und Sturmk­län­gen, die Beethovens Pas­torale vor­weg zu nehmen scheinen. Und auch die Ver­wandtschaft zum orch­ester­be­gleit­eten Accom­pa­g­na­to-Rez­i­ta­tiv ist recht eng. So fremd uns heute ein Melo­dram auch anmuten mag, melo­drama­tis­che Ele­mente haben sich bis heute erhal­ten: Die Rolle der Musik im Film und auch im Hör­spiel speist sich auch aus dieser Quelle.
Die vor­liegende Auf­nahme ent­stand im Nach­gang zu ein­er Ein­studierung bei den Hei­den­heimer Opern­fest­spie­len. Den musikalis­chen Part bestre­it­et die Capel­la Aquileia, das ständi­ge Fest­spielorch­ester unter der Leitung von Mar­cus Bosch. Sie ist der eigentliche Star dieses Doku­ments: Unge­mein flex­i­bel und zugle­ich präzise wach­sen hier die vie­len kleinen und größeren Bausteine der Par­ti­tur zu einem weit­en Span­nungs­bo­gen zusam­men, auf der unauf­dringlich-selb­stver­ständlichen Basis his­torisch-informiert­er Auf­führung­sprax­is. So wird im his­torischen Rück­blick umwe­g­los ein­sichtig, warum Ben­da in der zweit­en Hälfte des 18. Jahrhun­derts ein so erfol­gre­ich­er und in der Fach­welt anerkan­nter Kom­pon­ist war.
Eher ein wenig rat­los erlebt man hinge­gen die Textdekla­ma­tion: Katha­ri­na Thal­bach übern­immt hier, dem Brauch der Zeit entsprechend, nicht nur die Rolle der Haupt­fig­ur Medea, son­dern auch alle Neben­rollen, ange­fan­gen von ihrem treulosen Ehe­mann Jason bis hin zu den bei­den von ihr in eifer­süchtig rasender Rache ermorde­ten Kindern. Dabei erweisen sich Dik­tion und Ton­fall dieser von vie­len anderen Auftrit­ten her ver­traut­en Schaus­pielerin immer mehr als pen­e­trant und zu wenig dif­feren­ziert. Unbezweifel­bar ist gewiss ihr hohes per­sön­lich­es Engage­ment für die bizarre Fig­ur der Medea. Doch die durch­weg schnei­dende Schärfe und die man­gel­nde far­bliche Nuancierung ihrer Stimme über­lagern und unter­drück­en zu sehr die emo­tionalen Fein­ab­stu­fun­gen der Textvor­lage von Friedrich Wil­helm Gotter.
Kurz gefasst: Die musikalis­chen Pas­sagen würde man sich gern mehrfach anhören, den sprach­lichen Part dage­gen eher nicht.
Arnold Werner-Jensen