Clémence de Grandval

Mazeppa

Nicole Car (Sopran), Julien Dran (Tenor), Tassis Christoyannis (Bariton), Ante Jerkunica (Bass), Paweł Trojak (Bariton), Chor des Bayerischen Rundfunks, Münchner Rundfunkorchester, Ltg. Mihhail Gerts

Rubrik: Rezension
Verlag/Label: Palazzetto Bru Zane
erschienen in: das Orchester 7-8/2026 , Seite 74

Gleichzeitig mit der Neuproduktion von Clémence de Grandvals Oper Mazeppa in Dortmund erschien Mitte März diese konzertante Aufführung vom 19. Januar 2025 im Prinzregententheater München. Hier zeigte sich die Bedeutung der verdienstvollen Bru-Zane-Reihe mit französischer Oper besonders deutlich. Deren Editionen fordern Opernhäuser auf zum Überprüfen, Überflügeln und zur Entwicklung aktueller Sichtweisen.
Der zur weitaus bekannteren Oper Tschaikowskys sehr ähnliche Stoff fordert dramatische Akzentuierung. Trotzdem ist die Aufnahme wichtig, weil sie dank dem mit großer Umsicht dirigierenden Mihhail Gerts vorbildlich einstudiert wurde. Es wird deutlich, dass de Grandval trotz guter Kenntnis der Werke Wagners keine Wagnérienne war wie ihr Kollege Ernest Chausson in Le Roi Arthus. Aufbauend auf dem Textbuch von Charles Grandmougin und Georges Hartmann entstand für die erfolgreiche Uraufführung in Bordeaux 1892 ein gut gebautes Stück, das zentrale Motive der Grand Opéra bündelte: Volksgesänge zwischen trügerischer Hoffnung, Aufruhr und Verzweiflung, zerstörerische Privatbeziehungen und ein fragwürdiges Heldenbild.
Mihhail Gerts ist ein äußerst partnerschaftlicher Dirigent. Er trifft den Gestus zwischen Fülle und Filigranität genau, weil er ständig kleine Hilfen setzt – so dem Solistenquintett in zahlreichen Momenten, die beträchtlich langen Atem erfordern. Gerts steigert wirkungsvolle Klangbögen für de Grandvals soghafte Szenenblöcke und die wenigen separaten Einzelnummern. Nicole Car hat noch das hellklare Timbre und schon die dramatische Power für die von ihr souverän gestaltete Matréka. Bru-Zane-Recke Tassis Christoyannis entwickelt die Titelfigur aus bewusster Deklamation und melodischer Degustation. So singt kein Schurke, sondern ein Stratege mit emotionaler Kompetenz. Auch Julien Dran gibt eher den Liebenden als den verzweifelten Intriganten. Ante Jerkunica tritt als qualitativer Top-Konkurrent zum Schwiegersohn und Traummann seiner Tochter Matréka auf. Paweł Trojak gibt einen wenig vergeistigten, dafür überaus weltläufigen Archimandrit. Nach dem Schlussakkord möchte man das Ganze von Mazeppas Erschöpfungsseufzer bis zur Verzweiflungsattacke Matrénas noch mal hören. Das Münchner Rundfunkorchester spielt in der Spitzenliga für dieses Repertoire.
Roland Dippel

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