Max Reger

Maximum Reger

A Will Fraser Film, 6 DVDs mit Textheft

Rubrik: DVDs
Verlag/Label: Fugue State Film
erschienen in: das Orchester 12/2017 , Seite 73

Rein äußer­lich ist man geneigt, dem Titel der Pro­duk­tion beizupflicht­en. Denn Max Reger erscheint einem auch in his­torisch­er Dis­tanz als ein Kom­pon­ist, der sich nicht nur als Palin­drom in sich kreisend buch­sta­bieren lässt, son­dern der in vie­len Bere­ichen des musikalis­chen wie realen Lebens eine „max­i­male“ Per­sön­lichkeit war. Denn so wie er rast­los von Konz­ert zu Konz­ert reiste („wohn­haft in der Eisen­bahn“), um für seine Werke in auk­to­ri­aler Auf­führung­sprax­is eine Tra­di­tion zu schaf­fen, so maß­los kon­sum­ierte er seine Lebenselix­iere (Zigar­ren, Bier und Schnitzel) und schuf dabei in jed­er freien Minute Par­ti­tur nach Par­ti­tur.
Dieses Leben, das in einem bürg­er­lich gut sta­tu­ierten Rah­men im per­ma­nen­ten Aus­nah­mezu­s­tand ver­lief, grif­fig zu bün­deln, ist eine gle­icher­maßen schwere wie leichte Auf­gabe. Lassen sich die einzel­nen biografis­chen Sta­tio­nen wie auch die Kon­texte leicht beschreiben, will dies mit den vielfach als zu kom­plex ver­rufe­nen Werken kaum gelin­gen. Reger fordert hier sich wie seine Hör­er gle­icher­maßen her­aus, bewegt sich auf dem in der Mod­erne schmal gewor­de­nen Grat der motivis­chen Fasslichkeit, der for­malen Abstrak­tion und des tonalen Fun­da­ments.
Wer hier zu früh aufgibt, hat ver­loren. Wer aber weit­erge­ht, dem eröffnet sich mit der Zeit eine Klang­welt mit höchst orig­inären Aus­druckscharak­teren, die nir­gends anders zu find­en sind und von ein­er äußer­lich kernig robusten, im Inneren aber äußerst zarten, vor­sichti­gen und ver­let­zlichen Per­sön­lichkeit erzählen.
Diese Brücke ver­sucht auch Will Fras­er mit sein­er groß angelegten Pro­duk­tion zu schla­gen – zum einem mit ein­er Tren­nung von Doku­men­ta­tion und voll­ständi­gen „filmed musi­cal per­for­mances“, zum anderen in der Kom­bi­na­tion von klin­gen­den Beispie­len und aus­führlicheren State­ments der Pro­tag­o­nis­ten. Hier allerd­ings regt sich Kri­tik. Sie bet­rifft nicht die fach­liche Kom­pe­tenz von Susanne Popp und Jür­gen Schaar­wächter (bei­de Max Reger-Insti­tut, Karl­sruhe), die einzelne Sta­tio­nen lebendig wer­den lassen und den Hin­ter­grund des einen oder anderen Werks beleucht­en.
Es sind vielmehr die sich in den drei Stun­den wieder­holen­den Ein­stel­lun­gen und Kon­stel­la­tio­nen, die zu ein­er Ermü­dung führen. Dies bet­rifft beson­ders das tech­nis­che Handw­erk, die Kam­er­aführung und den Schnitt, der stets hart ist und die Fahrt oder den Über­gang nicht ken­nt. Oft spricht Fras­er selb­st zu Bildern und der unter­mal­en­den Musik aus dem Off, für alle anderen Infor­ma­tio­nen wird aber durchge­hend auf „Talk­ing heads“ in sta­tis­chen Sit­u­a­tio­nen geset­zt – zu wenig für das Anliegen, zu wenig um das Inter­esse zu hal­ten.
Bleibt die Frage nach der Ziel­gruppe ein­er solch max­i­malen, ger­ade am Anfang doch recht abstrak­ten Ein­führung. Die Enthu­si­as­ten wer­den sicher­lich gut bedi­ent (auch mit den vielfach erstk­las­si­gen exk­lu­siv­en Ein­spielun­gen, etwa des jun­gen Aris Quar­tetts). Darüber hin­aus wird es sicher­lich schwierig – wohl auch wegen des sich in der Länge und mit zu vie­len musikalis­chen Seit­en­blick­en auflösenden roten Fadens. Neben­bei: Mir standen zu viele Fotokopi­en auf den Klavieren.
Michael Kube