Schubert, Franz / Wolfgang Amadeus Mozart

Mass in E flat major / Mass in C minor “Waisenhausmesse”

Rubrik: DVDs
Verlag/Label: Accentus Music ACC 20261
erschienen in: das Orchester 03/2014 , Seite 83

Geistliche Musik war mit Aus­nahme der Mes­sa da Requiem von Ver­di nicht unbe­d­ingt ein Schw­er­punkt des Diri­gen­ten Clau­dio Abba­do, der im Jan­u­ar gestor­ben ist. Und doch hat­te dieser im Lauf seines langjähri­gen Wirkens am Pult bes­timmte Sakral­w­erke mehrfach aufge­führt. Zu diesen gehörten die nicht ger­ade viel gespielte frühe c‑Moll-Messe KV 139 des 13-jähri­gen Mozart, die soge­nan­nte „Waisen­hausmesse“. Bere­its Mitte der 1970er Jahre hat­te Abba­do sie mit den Wiener Phil­har­monikern und der Konz­ertvere­ini­gung Wiener Staat­sopern­chor auf Plat­te einge­spielt.
Als Mitschnitt eines Aller­heili­genkonz­erts ent­stand rund zehn Jahre später eine Auf­nahme der späten Es-Dur-Messe von Franz Schu­bert mit den gle­ichen Ensem­bles. Im Som­mer 2012, da Abba­do nach über zehn­jähriger Pause wieder und let­zt­mals bei den Salzburg­er Fest­spie­len auf­trat, hat der ital­ienis­che Mae­stro bei­de Ver­to­nun­gen des Mes­sor­di­nar­i­ums in einem Konz­ert im Haus für Mozart dirigiert – dies­mal mit dem Wiener Arnold Schoen­berg Chor und dem von Abba­do geleit­eten Orches­tra Mozart aus Bologna.
In den ver­gan­genen Jahrzehn­ten ist bei der Wieder­gabe der klas­sis­chen und frühro­man­tis­chen Musik viel passiert – und auch Clau­dio Abba­dos Inter­pre­ta­tion von Mozart, Beethoven und Schu­bert hat sich
wesentlich gewan­delt. So ein­drucksvoll und pack­end die erwäh­n­ten „his­torischen“ Wiener Auf­nah­men der bei­den Messen unter Abba­do ohne Zweifel waren, sie blieben der Auf­führungstra­di­tion mit aus der Spätro­man­tik kom­menden Ide­alen verpflichtet. Der beson­dere Klang der Wiener Phil­har­moniker und des Staat­sopern­chores tat­en das Ihre.
Später aber musizierte Abba­do bei diesem Reper­toire sozusagen his­torisch informiert mit kleineren Beset­zun­gen und einem schlanken Klang, der fast ohne Vibra­to auskommt. Auch waren – vor allem bei Mozart – die Zeit­maße sehr viel fließen­der gewor­den und die Dik­tion sehr viel akzen­tu­iert­er und sprechen­der. Erhal­ten geblieben, ja mit den neuen „alten“ Mit­teln fast noch stärk­er gewor­den war die Innenspan­nung und Empfind­ungskraft des Musizierens von Clau­dio Abba­do.
Das macht das Sehen und Hören dieses Fest­spielkonz­erts, das nun ger­adezu den Rang eines Ver­mächt­niss­es erhal­ten hat, denn auch so wertvoll. Jen­seits der großar­ti­gen Homogen­ität und Beweglichkeit des Arnold Schoen­berg Chores und des instru­men­tal­en Fein­schliffs des Orches­tra Mozart wird hier, geprägt von ein­er der großen Diri­gen­ten­per­sön­lichkeit­en des 20. und frühen 21. Jahrhun­derts, eine bewe­gende Innigkeit und Tiefe des Musizierens der bedeu­ten­den Kirchen­werke spür­bar, die sich auch via Medi­um auf den Hör­er oder Betra­chter überträgt.
Die hochkaräti­gen Solis­ten Rober­ta Inv­ernizzi (bei Mozart), Rachel Har­nisch (bei Schu­bert), Sara Min­gar­do, Javier Camare­na, Pao­lo Fanale und Alex Espos­i­to sind wesentliche Garan­ten eines beson­deren Konz­ert-
ereigniss­es und ‑doku­ments.
Karl Georg Berg