Leonard Bernstein

Mass

Vojteˇch Dyk (Bariton), Wiener Singakademie, Opernschule der Wiener Staatsoper, Company of Music, ORF Radio-Symphonieorchester Wien, Ltg. Dennis Russell Davies

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Capriccio C5370
erschienen in: das Orchester 10/2020 , Seite 74

Min­destens fünf Auf­nah­men von Leonard Bern­steins “Mass” sind derzeit erhältlich, darunter eine mit dem Tonkün­stler-Orch­ester Niederöster­re­ich unter Krist­jan Järvi. Jet­zt zieht der Let­zterem in der Posi­tion als Chefdiri­gent des MDR-Sin­fonieorch­esters fol­gende Den­nis Rus­sell Davies mit dem ORF Radio-Sym­phonieorch­ester Wien nach.
Die Vor­liebe öster­re­ichis­ch­er Ensem­bles für Bern­stein ist ver­ständ- lich, denn dessen mit­teleu­ropäis­che Kar­riere kam in Wien mit der deutschen Über­set­zung von “West Side Sto­ry” durch Mar­cel Prawy so richtig in Fahrt. Nach der Urauf­führung 1971 zur Eröff­nung des John F. Kennedy Cen­ter for the Per­form­ing Arts in Wash­ing­ton fol­gten die europäis­che Erstauf­führung (1973) und die deutschsprachige Erstauf­führung (1981) von “Mass” in Wien. Mehrfach wurde das Hybrid­w­erk mit atmo­sphärischen wie poli­tisch indizierten Ursprün­gen in Wood­stock und Stonewall als spir­ituelle, aber nicht allzu inspiri­erte Alter­na­tive zu Hair betra­chtet. Dieser Ein­wand zer­streut sich, wenn Inter­pre­ten den Schwe­bezu­s­tand von Bern­steins Par­ti­tur zwis­chen Rit­us und (ern­stem) Musi­cal nicht als Hürde, son­dern als kün­st­lerische Her­aus­forderung begreifen.
Es gibt derzeit wohl kaum einen anderen Diri­gen­ten, der sich mit so viel Lust und ohne Dog­men für Neu(er)e Musik von Philip Glass bis Heinz Win­beck, von Hans Wern­er Hen­ze bis Kei­th Jar­rett ein­set­zt wie Den­nis Rus­sell Davies. Um den ohne melo­drama­tisch belegte Stimme oder Seel­sorg­er-Säuseln, aber auch ohne Hip­pie- und Bar­den-Charme ausk­om­menden Predi­ger (= Zel­e­bran­ten) von Vojtěch Dyk bringt er die Instru­men­ta­tion Bern­steins vom grellem Neon­licht bis san­ften Kerzen­schein zum Leucht­en. Der tschechis­che Sänger und Enter­tain­er hat smarte Kraft.
Wed­er die beein­druck­ende Wiener Sin­gakademie (Ein­studierung: Heinz Fer­lesch) mit der Opern­schule der Wiener Staat­sop­er (Ein­studierung: Johannes Mertl) noch die Com­pa­ny of Music (Ein­studierung: Johannes Hiemets­berg­er) übertreiben den rhyth­mis­chen Dri­ve. “Mass” wirkt hier also kaum wie ein oppo­si­tionelles Fanal. Umso bess­er kommt Bern­steins dra­matur­gis­ches Knowhow zur Gel­tung. Auf der CD vere­inen sich die im Textbuch von Stephen Schwartz genau unter­schiede­nen musikalis­chen Staffelun­gen zwis­chen quadro­fonis­chen Zus­pielun­gen und solis­tis­chen Inter­ven­tio­nen in sehr klaren, aber kaum erschüt­tern­den Klangstaffelun­gen. Bern­stein als poly­stilis­tis­ch­er Klas­sizist?
Erst wenn der Zel­e­brant nach dem Druck von Leid und Aggres­sio­nen der zweifel­nden Menge in den Zus­tand ein­er durch Leere regener­ierende Erschöp­fung fällt, kann er sich wieder für die Botschaft des Glaubens im fast kitschi­gen Solo ein­er Knaben­stimme öff­nen. Glauben­szweifel gehören zu jedem Leben. Egal, ob zu dem eines Predi­gers, eines Rock­sängers oder rebel­lis­ch­er Pas­san­ten. Trotz dieser Erken­nt­nis und dieser glänzend gelun­genen Auf­nahme taugt Mass nur kurzzeit­ig als Ess­bremse gegen den Dauer­hunger auf “Can­dide” und “West Side Sto­ry”.

Roland Dip­pel