Johann Sebastian Bach

Markus-Passion

Fassung von 1744, Gutenberg-Kammerchor, Neumeyer Consort, Ltg. Felix Koch, 2 CDs

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Christophorus CHR 77423
erschienen in: das Orchester 10/2018 , Seite 70

Das Werk ist ein dauern­des Rät­sel. Von Johann Sebas­t­ian Bachs Markus­pas­sion BWV 247, die er erst­mals 1731 zu Kar­fre­itag und erneut 1744 in der Leipziger Thomaskirche auf­führte, ist lediglich das Textbuch (von Chris­t­ian Friedrich Henri­ci alias Pican­der), aber keine Musik erhal­ten, wohl weil dieses Ora­to­ri­um nach dem Par­o­diev­er­fahren ver­fasst wurde, das die Notierung der Melo­di­en erübri­gen mochte. Welch­es die ver­wen­de­ten Vor­la­gen waren, ist in der Bach-Forschung umstrit­ten – dies umso mehr, als 2009 in St. Peters­burg ein neuer Textdruck von 1744 auf­tauchte, der sich ins­beson­dere durch den Zusatz zweier Arien unter­schied und weit­ere Fra­gen aufwarf.
Die vor­liegende, his­torisch informierte CD-Ein­spielung stützt sich wei­thin auf die Edi­tion, die Diethard Hell­mann 1964 vor­legte und Andreas Glöck­n­er 2001 ergänzte. Das be­trifft vor allem die als gesichert gel­tenden Über­nah­men aus Bachs Trauerode BWV 198, die von Pican­der pass­ge­nau neu tex­tiert wur­den – etwa die Rah­menchöre, aber auch drei Arien des ersten Teils, die dieser Ode ent­nom­men sind und hier in Bear­beitung auf­tauchen. Bei den vier Arien des zweit­en Teils geht die Ver­sion der neuen CD-Auf­nahme darüber hin­aus. Für drei dieser Stücke in der Früh­fas­sung etwa greift der Mainz­er Musik­wis­senschaftler Karl Böh­mer auf Teile aus der A-Dur-Messe BWV 234 zurück, zumal er sich auch für die neu hinzugekommene Sopran-Arie von 1744 für diese Messe als Vor­lage entschei­det.
Keine Bach-Pas­sion enthält so viele Chor-Anteile wie die Markus­pas­sion, die zu Recht die Beze­ich­nung „Choral­pas­sion“ trägt. Einige der hier ver­wen­de­ten Sätze klin­gen aus anderen Zusam­men­hän­gen (wie etwa dem Wei­h­nacht­so­ra­to­ri­um) ver­traut und lassen sich aus den Choral­samm­lun­gen rekon­stru­ieren, die Bachs Zeitgenossen notiert haben. Gewis­sheit kann es allerd­ings auch hier nicht geben. Zumin­d­est aber gibt diese Fas­sung und Ein­spielung dem Hör­er Gele­gen­heit zur Wieder­begeg­nung mit „eini­gen der schön­sten Choral­sätze, die Bach jemals geschaf­fen hat“, wie der Bear­beit­er Böh­mer seine Ver­legen­heit mit ent­waffnen­der Offen­heit kom­pen­siert.
In sein­er infor­ma­tiv­en Ein­leitung räumt er ein, dass seine Ein­rich­tung von 2016 dur­chaus sub­jek­tiv sei und von „Rekon­struk­tion“ keine Rede sein könne. Alle­mal aber muten seine Lösun­gen plau­si­bel an. Die Auf­führung durch den aus­geze­ich­neten Guten­berg-Kam­mer­chor und das durch­sichtig musizierende Neumey­er Con­sort unter dem far­ben­re­ichen, stil­sicheren Diri­gat von Felix Koch ist ein nach­haltiges Plä­doy­er für die Vielfalt und Ein­dringlichkeit dieser Fas­sung.
Beson­deres Gewicht gibt diese dem Part des Evan­ge­lis­ten, der hier von Wolf­gang Vater nur gesprochen wird, weil Böh­mer auf eine musikalis­che Rah­mung und Unter­legung (aus frem­den Werken oder in Eigen­schöp­fung) dieser Texte als Rez­i­ta­tive gän­zlich verzichtet.
Das Solis­ten­quar­tett ist mit Jas­min Hörn­er (Sopran), Julien Frey­muth (Altus), Georg Poplutz (Tenor) und Chris­t­ian Wag­n­er (Bass) hörenswert beset­zt. Ins­ge­samt eine ver­di­en­stvolle Ein­spielung, die der Markus­pas­sion neue Aufmerk­samkeit sichert.
Rüdi­ger Krohn