Markus Thiel

Mariss Jansons

Ein leidenschaftliches Leben für die Musik

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: Piper
erschienen in: das Orchester 10/2020 , Seite 63

Bere­its im zarten Kinde­salter wollte Mariss Jan­sons in die Fuß- stapfen seines Vaters treten. Arvids Jan­sons war damals Diri­gent an der Let­tis­chen Nation­alop­er in Riga, sein Sohn wuchs prak­tisch im Thea- ter auf. Ein Foto zeigt den Drei­jähri­gen mit einem Holzstöckchen in der recht­en Hand, den Blick ernst und konzen­tri­ert auf eine Par­ti­tur gerichtet.
In ein­er lesenswerten Biografie beschreibt der Musikjour­nal­ist Mar- kus Thiel Leben und Wirken eines der pro­fil­iertesten Diri­gen­ten unser­er Zeit. Nach seinem Amt­santritt als Chefdiri­gent des Sym­phonieorch­esters des Bay­erischen Rund­funks 2003 begleit­ete Thiel Jan­sons häu­fig auf Tourneen. Noch bis kurz vor Jan­sons Tod am 1. Dezem­ber 2019 waren sie per­sön­lich in Kon­takt.
Dem Buch­pro­jekt, so berichtet Thiel, habe Jan­sons zunächst skep­tisch gegenüber­standen: Nicht die Inter­pre­ten, son­dern die Kom­pon­is­ten ver­di­en­ten es, dass über sie geschrieben werde. Beschei­den­heit, absolute Hingabe an die Musik und ein uner­müdlich­er Arbeit­seifer charak­ter­isieren Jan­sons ger­adlin­i­gen kün­st­lerischen Werde­gang, der an der Periph­erie der großen europäis­chen Musikzen­tren begann. Gefördert von Her­bert von Kara­jan studierte er in Wien und erhielt 1971 den zweit­en Preis bei dem nach seinem Men­tor benan­nten Diri­gen­ten- wet­tbe­werb in Berlin. Wie zuvor sein Vater wurde er Assis­tent des leg­endären Jew­genij Mraw­in­sky bei den Leningrad­er Phil­har­monikern, bevor er mit­ten im Kalten Krieg an die Spitze des Oslo Phil­har­mon­ic Orches­tra trat. Während sein­er 22 Jahre als Chefdiri­gent ver­half er dem nor­wegis­chen Orch­ester zu inter­na­tionaler Anerken­nung. Darüber hin­aus nahm er Posi­tio­nen in Großbri­tan­nien und im amerikanis­chen Pitts­burgh an und debütierte bei den Wiener Phil­har­monikern.
Beson­deres Augen­merk richtet Thiel auf die Jahre ab 2003, in denen Jan­sons zeitweise in ein­er Dop­pel­funk­tion Chef des BR- und des Con- cert­ge­bouw-Orch­esters in Ams­ter­dam war. Auch sein hart­näck­iges Engage­ment für einen neuen Konz­ert­saal in München wird einge­hend beleuchtet. Die detail­re­ichen Schilderun­gen sind nie reine Aufzäh­lun­gen, die ermü­dend wirken kön­nten. Thiel zieht inter­es­sante Ver­gle­iche zu Diri­gen­tenkol­le­gen, außer­dem kom­men Weg­be­gleit­er zu Wort.
Jan­sons bere­it­ete Konz­erte akribisch vor und ließ Musik­ern den­noch Freiräume. „Man muss führen, gle­ichzeit­ig darf man die Atmo­sphäre und die Energie des Orch­esters nicht gefährden“, wird er zitiert. Franz Scheuer­er, Geiger im BR-Orch­ester, erk­lärt, er habe aus dem Klangkör­p­er die extrem starke Emo­tion­al­ität her­aus­ge­holt, die unter seinem Vorgänger Lorin Maazel ver­drängt wor­den sei.
In dem Buch wird schlüs­sig dargestellt, wie Jan­sons im Laufe der Jahre sein Reper­toire erweit­erte und ein­seit­ige Fes­tle­gun­gen auf rus­sis­che Musik ver­mei­den wollte. Gle­ich­wohl zählen neben Ein­spielun­gen der Werke von Strauss, Beethoven und Mahler auch die der Sin­fonien von Tschaikowsky und Schostakow­itsch zum Ein­drück­lich­sten, was er hin­ter­lassen hat. Die von Thiel angestell­ten Inter­pre­ta­tionsver­gle­iche regen dazu an, viele Auf­nah­men nochmals anzuhören.

Cori­na Kolbe