Corina Kolbe

Mantua: In Mantuas Palästen

Kammermusik beim Festival Trame Sonores

Rubrik: Bericht
erschienen in: das Orchester 09/2018 , Seite 62

Andächtig lauscht das Pub­likum dem ital­ienis­chen Geiger Francesco Senese, der im Palaz­zo Te in Man­tua vor illu­sion­is­tis­chen Renais­sance­fresken Sonat­en von Bach und Ysaÿe spielt. Die Zuhör­er sitzen auf dem Boden um den Solis­ten herum und erleben ihn aus unmit­tel­bar­er Nähe. Seit 2013 bringt das Kam­mer­musik­fes­ti­val Trame Sonore in den zum UNESCO-Weltkul­turerbe zäh­len­den Palästen und Kirchen jedes Jahr im Früh­jahr ein Gesamtkunst­werk aus Musik, Malerei und Architek­tur her­vor.
„Trame Sonore“ lässt sich mit „Klanggewebe“ über­set­zen. Auf Ein­ladung des Orches­tra da Cam­era di Man­to­va, des Muse­um­skom­plex­es Palaz­zo Ducale und der Stadtver­wal­tung präsen­tierten sich an fünf Tagen von Ende Mai bis Ende Juni 300 Kün­stler bei etwa 200 Ver­anstal­tun­gen, darunter auch Work­shops und Diskus­sio­nen. Die Konz­erte, die meist nicht länger als 30 bis 40 Minuten dauerten, fan­den vom Vor­mit­tag bis in den späten Abend hinein statt.
Als Artist in Res­i­dence zeigte der Pianist Alexan­der Lon­quich viele Facetten seines Kön­nens. Ehren­gast des Fes­ti­vals war Alfred Bren­del, der für das Quar­tet­to Adorno eine öffentliche Mas­ter­class abhielt. Maria João Pires, die seit diesem Früh­jahr nicht mehr als Solistin auf Tournee geht, tritt nun am lieb­sten mit befre­un­de­ten Kam­mer­musik­part­nern auf. Nuan­cen­re­ich inter­pretierte die große Kün­st­lerin im Teatro Bibi­ena Beethovens Sonate Pathé­tique, nach­dem der ser­bis­che Pianist Miloš Popović das Pub­likum mit seinem vir­tu­osen Vor­trag der Appas­sion­a­ta zu begeis­tertem Applaus bewegt hat­te. In dem kleinen his­torischen The­ater, wo schon der junge Mozart gespielt hat­te, ver­spürten sich die Zuhör­er weitaus weniger Dis­tanz zu den Musik­ern als in so manchem großen Konz­ert­saal.
Mit einem Fes­ti­val­pass kon­nten die Gäste von Trame Sonore die meis­ten Konz­erte ohne vorherige Platzre­servierung besuchen. Zwis­chen den Ver­anstal­tun­gen blieb Zeit zur Besich­ti­gung der Museen mit ihren welt­berühmten Gemälde- und Skulp­turen­samm­lun­gen, die an den fünf Tagen auch abends geöffnet hat­ten. Unter dem Mot­to „Haus­musik“ wur­den in diesem Jahr erst­mals auch Pri­vathäuser zu Konz­er­torten. Im Innen­hof des Palaz­zo Becca­guti Cavri­ani, in dem früher ein Mil­itärstratege der Fürsten­fam­i­lie Gon­za­ga gewohnt hat­te, spielte der Schlagzeuger Johannes Fis­ch­er, Preisträger des ARD-Musik­wet­tbe­werbs 2007, zeit­genös­sis­che Werke von Ian­nis Xenakis und Georges Aperghis sowie eine eigene Kom­po­si­tion. In der Konz­ertrei­he „Wun­derkam­mer 2018“ wurde außer­dem Neue Musik mit Stück­en der klas­sis­chen Mod­erne kom­biniert.
Einen wichti­gen Schw­er­punkt bildete auch die Nach­wuchs­förderung. Beim der ersten Aus­gabe des Youth Cham­ber Music Meet­ing spiel­ten Kam­merensem­bles wie das Nan­nerl Trio und das Trio Lumi­noso vor Schülern und anderen Fes­ti­val­gästen. Die jun­gen Musik­er waren im Früh­jahr bei einem von Trame Sonore ver­anstal­teten Wet­tbe­werb aus­gewählt wor­den. Ein weit­eres Novum waren Konz­erte in Koop­er­a­tion mit Ver­anstal­tern aus dem Aus­land, etwa mit dem öster­re­ichis­chen Kam­mer­musik­fes­ti­val Lock­en­haus oder dem Kuh­mo Fes­ti­val in Finn­land.