Werke von Jean Sibelius und Edvard Grieg

Malinconia

Works for cello & piano, Geringas (Violoncello), Ian Fountain (Klavier)

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Profil/Edition Günter Hänssler PH 15005
erschienen in: das Orchester 10/2015 , Seite 77

Sie gehört zu den Urbefind­lichkeit­en des men­schlichen Gemüts, bere­its in der Antike rech­nete man sie den Vier Tem­pera­menten zu. Seit den Tagen des Hip­pokrates haben sich Medi­zin­er und Philosophen mit dem Phänomen des Trüb­sinns und der Depres­sion beschäftigt und diese Erschei­n­ung der „schwarzen Galle“ („Melan­cho­lia“) zuge­ord­net. Dass Melan­cholie gar zur Triebfed­er des Pak­tierens mit dem Teufel wer­den kann, hat Goethe im Faust the­ma­tisiert. Kün­stler des 19. Jahrhun­derts schließlich fan­den Aus­drucks­for­men zur Darstel­lung melan­cholis­ch­er Zustände. Ein berühmtes Beispiel ist der mit „Mal­in­co­nia“ über­schriebene Final­satz aus Beethovens Stre­ichquar­tett op. 18,6.
Densel­ben Titel trägt Jean Sibelius’ einzige umfan­gre­ichere Cel­lokom­po­si­tion. Sie ent­stand 1900, der Kom­pon­ist ver­ar­beit­et hier seine Trauer über den Tod ein­er sein­er Töchter. Angesichts der unbe­haue­nen Gestalt des Stücks ist man ver­sucht, Niet­zsches Brahms-Bon­mot von der „Melan­cholie des Unver­mö­gens“ zu bemühen, gibt sich Sibelius’ Mal­in­co­nia doch als selt­sam het­ero­gene Kom­bi­na­tion aus ellen­lan­gen Klavier­arpeg­gien und ein­er teils düsteren, teils hero­is­chen Cel­lokan­ti­lene. Auch der beab­sichtigte sinns­tif­tende Mot­to­ef­fekt zur vor­liegen­den CD bleibt begren­zt, denn deren Haupt­ge­gen­stand ist eine Gesam­tauf­nahme der Cel­low­erke von Edvard Grieg.
Wed­er die abschließende Adap­tion von Sibelius’ Valse triste noch der hemd­särmelig geschriebene Book­let-Text (der, na klar, die lan­gen skan­di­navis­chen Win­ter als Brut­stät­ten der Trüb­sal aus­macht) soll­ten uns allzu melan­cholisch stim­men, denn zu hören ist viel schöne, exzel­lent gespielte Musik: Der litauis­che Cel­list David Geringas, als Solist, Kam­mer­musik­er und Päd­a­goge gle­icher­maßen gerühmt, hat mit­gewirkt an der Urtex­taus­gabe der Grieg-Cel­low­erke des Hen­le-Ver­lags und präsen­tiert hier Griegs Sonate sowie weit­ere Stücke im Duo mit dem aus­geze­ich­neten englis­chen Pianis­ten Ian Fountain.
Was mag Grieg bewogen haben, sich im Nach­hinein reserviert über seine Cel­losonate zu äußern? Darge­boten vom Duo Geringas-Foun­tain bere­it­et sie ungetrübtes Hörvergnü­gen. Bei­de Musik­er stellen sich ganz in den Dienst stark­er Kon­traste: Dem brodel­nden, von schu­man­nesker Unruhe durch­zo­ge­nen Kopf­satz fol­gen ein bre­it aus­ge­sun­ge­nes Andante sowie ein folk­loris­tisch inspiri­ert­er Spring­tanz. Cel­lo und Klavier kom­men voll­grif­fig zum Zuge, doch gelingt dem Duo stets die per­fek­te Bal­ance: Nie wird das Stre­ichin­stru­ment vom Part­ner zugedeckt.
Neben Petitessen – einem Inter­mez­zo von 1866, dem Let­zten Früh­ling op. 34,2 sowie der Bear­beitung eines Satzes aus der Vio­lin­sonate op. 45, die Grieg seinem cel­lospie­len­den Brud­er zueignete – enthält die CD drei ver­i­ta­ble Hits aus der Peer-Gynt-Musik. Wer hier „Laden­hüter“ wit­tert, wird schnell eines Besseren belehrt: Geringas und Foun­tain spie­len „Mor­gen­stim­mung“, „Ani­tras Tanz“ und „Solveigs Lied“ mit solch­er Delikatesse, dass man glauben kön­nte, die sattsam bekan­nten Melo­di­en noch nie ver­nom­men zu haben.
Ger­hard Anders