Jacques Offenbach

Maître Péronilla

Véronique Gens, Éric Huchet, Antoinette Dennefeld, Chantal Santon- Jeffery, Anaïs Constans, Tassis Christoyannis, Choeur de Radio France, Orchestre National de France, Ltg. Markus Poschner

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Palazetto Bru Zane
erschienen in: das Orchester 07-08/2020 , Seite 66

Manoëla, die Tochter des spanis­chen Schoko­laden­fab­rikan­ten Maïtre Péronil­la, soll den dop­pelt so alten und etwas vergesslichen Don Guardona heirat­en. Sie möchte aber lieber den jun­gen und char­man­ten Musik­lehrer Alvarès ehe­lichen. Dank ein­er Intrige von Péronil­las Schwest­er Léona schafft sie das am Ende auch – unter anderem weil dieser ursprünglich Anwalt ist, denn auf Franzö­sisch bedeutet „Maître“ sowohl „Meis­ter“ (in diesem Fall der Schoko­laden­her­stel­lung) als auch „Recht­san­walt“. Das ist die Hand­lung von Maître Péronil­la, das war 1878 eine der let­zten Operetten von Jacques Offen­bach. Nach dem Deutsch-Franzö­sis­chen Krieg von 1870/71 hat­te er es schw­er­er, denn an die Stelle des Zweit­en Kaiser­re­ichs als Zielscheibe sein­er Satire war die Dritte Repub­lik getreten und als gebür­tiger Deutsch­er und Jude wurde er als Sün­den­bock für die Nieder­lage Frankre­ichs gese­hen. Noch dazu waren seine Lei­bund-Magen-Libret­tis­ten Hen­ri Meil­hac und Ludovic Halévy zu seinem neuen Konkur­renten Charles Lecocq überge­laufen. Offen­bach machte aus der Not eine Tugend und nahm ein eigenes Libret­to, das er wohl schon vor 1870 in der Schublade gehabt hat­te. Nur für die Ver­si­fika­tion der Gesangs-Num­mern wandte er sich an das Libret­tis­ten- Duo Charles Nuit­ter und Paul Fer­ri­er. Das spanis­che Kolorit war damals der Ren­ner im franzö­sis­chen Musik­the­ater, Offen­bach selb­st hat­te vor allem in La Péri­c­hole (1868/74) und Les brig­ands (1869/78) damit reüssiert. Nach nur fün­fzig Vorstel­lun­gen wurde Maître Péronil­la damals abge­set­zt – vielle­icht auch wegen des Titels, der deut­lich bieder­er wirkt als der ursprünglich vorge­se­hene Les deux maris de Manoëla. Bis­lang gab es nur eine unvoll­ständi­ge Ein­spielung des franzö­sis­chen Rund­funks von 1970, also vor jet­zt fün­fzig Jahren.
Diese neue Dop­pel-CD mit der ersten voll­ständi­gen Auf­nahme ent­stand 2019 zu Offen­bachs 200. Geburt­stag. Sie beweist, dass es sich hier um eines der geistvoll­sten Werke des Meis­ters han­delt – fast so frech wie seine friv­ol­ste Operette La vie parisi­enne und fast so tief­sin­nig-tre­ff­sich­er wie seine let­zte und bekan­nteste Oper Les con­tes d’Hoffmann, an der er damals schon arbeit­ete. 16 erstk­las­sig artikulierende Men­schen teilen sich die nicht weniger als 26 Gesangs- und Sprechrollen, allen voran die Star-Sopranistin Véronique Gens als Léona. Der deutsche Diri­gent Markus Poschn­er lässt in dieser durch und durch franzö­sis­chen Ein­spielung das Feuer und den Esprit der Par­ti­tur kon­ge­nial auf­scheinen, auch in den dezent charak­ter­isieren­den Orch­ester­far­ben. Selb­st Offen­bachs notorisch hol­prige Prosodie kann hier überzeu­gen.
Ingo Hod­dick