Uwe Kraus

Magdeburg: Der Sound der Stadt

Magdeburg feiert mit einem Festkonzert sein Philharmonisches Orchester

Rubrik: Bericht
erschienen in: das Orchester 01/2023 , Seite 55

„Theater ist wichtig. Wir stellen keine Autos her. Wir produzieren keine Halbleiter. Aber das, was wir herstellen, ist genauso systemrelevant. Wir erzeugen Emotionen. Und die müssen geteilt werden“, sagt Juien Chavaz, neuer Generalintendant des Magdeburger Theaters zum Auftakt der aktuellen Spielzeit 2022/23, in der ein besonderes Jubiläum mit einem Festkonzert im Opernhaus begangen wird: Die Magdeburgische Philharmonie prägt seit 125 Jahren das Musikleben der Stadt – 1897 wurde das Orchester in den städtischen Dienst übernommen.
Anna Skryleva, 2019 als erste Generalmusikdirektorin an das Theater der Landeshauptstadt engagiert, dirigiert aus diesem Anlass Werke von Paul Hindemith und Richard Strauss. Damit tritt die Frau mit russischen Wurzeln in die Fußstapfen von solchen Koryphäen am Taktstock wie Hans Pfitzner und Hermann Abendroth, die mit Gastdirigaten in Magdeburg zu erleben waren – oder von Richard Wagner, der von 1834  bis 1836 hier Kapellmeister war, und Richard Strauss, der mehrfach in der Geburtsstadt Georg Philipp Telemanns ans Pult trat. Weil die Pflege des Strauss-Erbes im Repertoire des Klangkörpers traditionell breiten Raum einnimmt, verwundert es nicht, dass auf dem Programm des Festkonzerts dessen feinziselierte Tondichtung Also sprach Zarathustra steht. Der Meister selbst, der vor 120 Jahren am Magdeburger Stadttheater Tristan und Isolde und 1928 Die ägyptische Helena dirigierte, nannte sein Werk „Symphonischer Optimismus in Fin-de-siècle-Form“. Es erklang bereits vor 95 Jahren zum Festakt bei der Einweihung der riesigen Magdeburger Stadthallen-Orgel.
Generalmusikdirektorin Anna Skryleva nimmt mit ihren Musiker:innen Zarathustra als den klingenden Befreiungsschlag, als den der Komponist dieses 30-minütige Werk verstanden wissen wollte. Mit großen Gesten animiert die Orchesterchefin den Klangkörper zu Spitzenleistungen, legt die Strauss’schen spektakulären Effekte im Dirigat frei, die der philosophischen Sicht Friedrich Nietzsches folgen. Dabei erlebt das Publikum einen wahren Ton-Bombast, ein halbes Dutzend Hörner, vier Trompeten, zwei Tuben, Orgel und Glockenspiel, aber auch eine differenzierte Hinwendung zu den Streichern, denen der Kosmopolit und Komponist gerade im tieferen Bereich einen großen Akkordreichtum auf die Saiten schrieb. Eine plastische Klangrede vernimmt der Zuhörer und erlebt im 1997 nach einem Brand wiedereröffneten Opern­haus die Paarung von triumphierender Wucht mit feinsinniger Luftigkeit.
Vom Können der Magdeburger Musiker:innen zeugt der Auftritt von Magdeburgs erstem Konzertmeister, Kammermusiker Yoichi Yama­shita: Er lässt als Solist das Konzert für Violine und Orchester von Paul Hindemith ertönen und zaubert fast lässig verführerische Tonschönheit auf seiner Violine. Fesselnd durchdringt er melodisch und harmonisch die Noten der freien Tonalität Hindemiths. Das nuancenreiche Zusammenspiel mit der sorgsam von Anna Skryleva geführten Magdeburgischen Philharmonie zeugt von erstaunlicher Klarheit, Kraft und professioneller Präzision.
Dieses Orchester bestimmt den Sound seiner Stadt: Wer deutsche Musikstädte auflistet, der sollte Magdeburg unbedingt auf dem Schirm haben. Nicht nur wegen Telemann & Co., sondern zum Beispiel auch wegen Zdeněk Fibichs Oper Die Braut von Messina und der für die International Opera Awards 2022 in Madrid nominierten Oper Grete Minde, die als unglaubliche Wiederentdeckung gilt. Knapp 100 Jahre nach ihrer Entstehung entriss Anna Skryleva das Werk des in Sobibor ermordeten deutsch-jüdischen Kaufmanns und Komponisten Eugen Engel dem Vergessen und leitete in Magdeburg dessen vielgelobte Uraufführung.