Matthias Corvin

Märchenerzähler und Visionär

Der Komponist Engelbert Humperdinck

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: Schott
erschienen in: das Orchester 07-08/2021 , Seite 64

Sein schrift­stel­lerisches Cre­do sieht man hier dur­chaus erfüllt: „Für den Neul­ing nicht zu kom­pliziert, für den Klas­sik-Lieb­haber nie zu lang­weilig.“ Gespickt mit abwech­slungsre­ichen Anek­doten, Details und Infor­ma­tio­nen ist Matthias Corvins Biografie über Humperdinck in der Tat. Inwiefern sie „eine Neube­w­er­tung des Kom­pon­is­ten“ bietet, ist nicht unbe­d­ingt erkennbar.
Das Buch ist ansprechend aufgemacht durch zeit­genös­sis­che Zeich­nun­gen, Porträts und Auf­führungsplakate. Es enthält auf der Basis eines beachtlichen Quel­len­studi­ums viel Beschreiben­des, über hun­dert Seit­en Zeitzeug­nisse und ‑tafeln, Doku­mente, Disko­grafie, Bib­li­ografie, Werkverze­ich­nis. Corvin verknüpft (teil­weise zu aus­führliche) Werkbeschrei­bun­gen mit Lebenssta­tio­nen des Kom­pon­is­ten und erzählt vom his­torischen Hin­ter­grund. Die Lieder als „Schlüs­sel zum Werk“ ans Ende dieser Biografie zu stellen, birgt einen gewis­sen Reiz.
Ein in manchen Aspek­ten gelun­gener Beitrag zu diesem vielschichti­gen Kom­pon­is­ten liegt uns hier vor. Inter­es­sant u.a.: die dama­lige Bekan­ntheit der Humoreske, Humperdincks Abnei­gung gegen Stierkampf und Begeis­terung für Kutschfahrten, die Bedeu­tung sein­er Chor­bal­laden, beglück­ende Begeg­nun­gen, Sprach­bar­ri­eren und der tech­nis­che Aufwand für die Lon­don­er Urauf­führung von Mirakel.
Es gibt einige sprach­liche Schwächen („Gedanken kreisen über“) und Stil­brüche: „Immer wieder denkt Humperdinck an seine Fre­undin, die ihn bis in die Träume begleit­et.“ Oder: „Zu jen­er Zeit ahnt er noch nicht, dass aus diesem musikalis­chen Keim dere­inst ein Wel­truhm erwach­sen wird.“ Konkrete, aber doch recht lang­weilige Kapitelüber­schriften und die Vielzahl von Zitat­en macht mitunter etwas lesemüde.
Wie schön eigentlich: Märch­en­erzäh­ler und Visionär. Ein vielver­sprechen­der Titel, der nicht ganz hält, was er ver­spricht. Ein guter Satz, der an den Anfang gehörte, find­et sich zu weit unten auf der ersten Seite: „Das über­lieferte Bild des gemütlichen Märchenonkels trügt.“ Dies ist ein Beispiel von vie­len, wie der Ver­fass­er seine eigentlich bedeut­same Aus­sage selb­st ungün­stig ver­schleiert und diverse span­nende Momente ungenutzt ver­stre­ichen lässt. Aus dem Spek­trum von Märchen bis Vision kön­nte man mehr machen. Dies­bezüglich bleibt es bei der ersten Kapitelüber­schrift „Mehr als ein Märchenonkel“.
Der Begriff des Visionärs wird lei­der nicht mehr wirk­lich aufge­grif­f­en, allen­falls noch bei der „epochalen Leis­tung des gebun­de­nen Melo­drams“. Der „Märchen­dichter“ Humperdinck und sein „ver­schlossen­er Charak­ter“ wer­den kurz erwäh­nt – dabei wären doch ger­ade Hänsel und Gre­tel, die Königskinder oder auch Der blaue Vogel ide­ale Steil­vor­la­gen für Märchen und Visio­nen. Und dann „bemerkt Humperdinck sich­er, dass der kün­st­lerische Auf­bruch jen­er Tage ihn über­holt“ – die Vision, die Zukun­ft bleibt anderen überlassen.
Car­o­la Keßler