John Casken

Madonna of Silence

A drama for trombone and orchestra, Studienpartitur

Rubrik: Noten
Verlag/Label: Schott
erschienen in: das Orchester 03/2020 , Seite 63

John Casken unter­stre­icht in Inter­views und in Äußerun­gen, dass Michelan­ge­los Krei­deze­ich­nung Madon­na del Silen­zio die Klis­chees auf den Kopf stelle: Die Madon­na, eine Frau jen­seits der ersten Jugend­blüte, trägt ein ele­gantes Kleid. In der einen Hand hält sie ein offenes Buch, in dem sie ger­ade noch zu lesen schien. Sie blickt ernst zur Seite. Der kindliche, aber auf­fal­l­end muskulöse Jesus liegt in der leblosen Hal­tung, in der viele Kün­stler ihn son­st nach der Abnahme vom Kreuz gemalt haben, auf dem Schoß der Mut­ter. Der großväter­lich wirk­ende Josef lehnt nach­den­klich rechts im Hin­ter­grund, schaut auf Jesus herab. Eine unbekan­nte Per­son links im Hin­ter­grund legt den Fin­ger an die Lip­pen, um Ruhe für das schein­bar schlafende Kind bit­tend.
Diese Zeich­nung inspiri­erte Maler zu Gemälden, John Casken jedoch zur Kom­po­si­tion des am 28. Feb­ru­ar 2019 in Man­ches­ter mit viel Beifall uraufge­führten Dra­mas für Posaune und Orch­ester Madon­na of Silence. Die Urauf­führung wurde von BBC Radio 3 mit­geschnit­ten und als Broad­cast bere­it­gestellt.
So weit, so erhel­lend – nur, warum hat Casken aus­gerech­net die vitale Posaune als Stimme der Madon­na gewählt? Welche Auf­gaben wer­den dem Orch­ester zugewiesen, soll es die übri­gen drei Per­so­n­en der Zeich­nung in Musik umset­zen oder begleit­et es über­wiegend den vir­tu­osen Posaunen­part? Reichen die Beziehun­gen der vier Per­so­n­en zueinan­der, wie Casken es im Inter­view beschreibt, zu drama­tis­chen musikalis­chen Inter­ak­tio­nen aus, zumal die Fig­uren kein­er­lei Aktion zeigen, nicht reden und in Gedanken ver­sunken sind?  Der Reiz der Zeich­nung liegt vielmehr in der sehr real­is­tisch anmu­ten­den Szene, in die viele Stim­mungen und Vorah­nung hinein inter­pretiert wer­den kön­nen.
Casken hat sein gle­ich­namiges Dra­ma für die Solo­posaunistin des Hal­lé Orch­esters Man­ches­ter, Katy Jones, geschrieben. In Inter­views und Probe­nauschnit­ten, die Jones an der Posaune und Casken am Klavier zeigen, erschließen sich Ein­drücke: tem­pera­mentvolle Aus­brüche und einige neue Spiel­tech­niken in der Posaune, aber auch Kan­tile­nen und zarte Töne. Blät­tert man die Par­ti­tur des unge­fähr 24 Minuten dauern­den Werks durch, fall­en sofort Pas­sagen der Span­nung und Entspan­nung auf.
„The Madon­na in Con­tem­pla­tion“ ste­ht am Anfang des ein­sätzi­gen Werks: Klar­inette, Harfe und Vio­la streuen ein paar zarte Klänge, die Posaune begin­nt eine Kan­ti­lene in hoher Lage. Einzelne Holzbläs­er, später auch die Stre­ich­er, set­zen eher sparsame Soli dage­gen. „Joseph the Wit­ness“, „The Dis­tant Fig­ure“, „The Wound­ed Child“ – nacheinan­der erscheinen alle Fig­uren der Zeich­nung als Über­schriften in der Par­ti­tur. Die Posaune strahlt über allem, hat einige vir­tu­ose Stellen zu meis­tern, darf ihre gesamte große Dynamik­palette benutzen und glänzt, nun streck­en­weise vom kom­plet­ten Orch­ester mit vollem Klang begleit­et, über alle Kol­le­gen hin­weg.
Drama­tisch? Ja, sich­er, dazu effek­tvoll, gemäßigt mod­ern und tech­nisch her­aus­fordernd für den Posaunis­ten. Die Per­so­n­en der Zeich­nung treten nicht unbe­d­ingt vor das Auge, es über­wiegt der Genuss ein­er schö­nen, vir­tu­osen Musik für Posaune und Orch­ester.
Heike Eick­hoff