Richard Strauss

Macbeth/Don Juan/Tod und Verklärung/Festmarsch in C

Staatskapelle Weimar, Ltg. Kirill Karabits

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Audite
erschienen in: das Orchester 12/2018 , Seite 73

Wie „Kapellmeistermusik“ klingen die Tondichtungen von Richard Strauss in der neuen Einspielung der Staatskapelle Weimar mit ihrem Dirigenten Kirill Karabits keineswegs, eine Sicht, auf die der Titel „Ein Kapellmeister mit Visionen“ von Susanne Stährs Text im Beiheft zunächst hinzuweisen scheint. Karabits zeigt vielmehr, dass hier ein ernst zu nehmender Komponist „Visionen“ hatte, die noch heute den Hörer fesseln.
Auch ein weiteres Vorurteil, nämlich dass die Strauss’schen Tondichtungen durch bombastisch großen Orchesterklang den Hang zu kolossalem Heldentum während der Gründerjahre unter Kaiser Wilhelm II. widerspiegeln, wird hier widerlegt. Die Weimarer Staatskapelle spielt nicht auftrumpfend, sondern schlank und mit Sinn fürs Detail. So klingen selbst die Fortissimo-Abschnitte klar und durchhörbar.
Dass Karabits von seinen Lehrern Helmut Rilling und Peter Gülke in die historische Aufführungspraxis eingeführt wurde, ist dieser Einspielung anzuhören. Die Melodien sind sprechend artikuliert. Der Klang ist selbst bei dichtester Polyfonie noch transparent und das Zusammenspiel trotz des großen Orchesterapparats kammermusikalisch. Wenn etwa die Solovioline oder das Englischhorn hervortreten, wirkt dies wie ein intimes Wechselspiel. Die Tondichtungen von Richard Strauss weisen so über ihre Entstehungszeit während der Gründerjahre hinaus.
Karabits legt großen Wert auf die plastische Darstellung der Form, die in der Tondichtung keinem Schema folgt; die Freiheit von formalen Konventionen wird ebenso deutlich wie die Fähigkeit der Strauss’schen Musik zu „erzählen“. So wird hier hörbar, dass Strauss die „Klangrede“ aus dem Barock und der Klassik fortführt, allerdings mehrdimensional aufgebrochen durch seine Technik der Orchesterpolyfonie, die hier wirklich erfasst werden kann. Klangfarben setzt Karabits nicht ein, um die in der Polyfonie gespiegelte Ambivalenz des Gleichzeitigen zu übertünchen, vielmehr um sie klar herauszustellen.
Gestalten wie Macbeth oder Don Juan werden so aus mythischer Ferne ins Leben zurückgeholt. Macbeth ist hier bei Karabits nicht nur ein von Macht besessener Dämon, sondern vielmehr eine menschlich empfindende tragische Gestalt. Der große Aufschwung zu Beginn von Don Juan ist nicht nur auf das Ziel, das hohe dreigestrichene h, gerichtet, vielmehr verdeutlicht Karabits die Untergliederung: der Einzelton hat seine Bedeutung, wodurch das Bild eines nicht nur triebhaften, sondern auch differnziert empfindenden Menschen entsteht. In Tod und Verklärung zaubert das Orchester mit seinen Klängen erstaunliche Hörwelten hervor und stellt so der realistischen, durch das Pochen des Herzschlags in der Pauke repräsentierten Ebene die geistige Welt der Erinnerungen und Visionen gegenüber.
Diese Einspielung ermöglicht einen neuen Blick und ist nicht nur für Strauss-Liebhaber ein Meilenstein!
Franzpeter Messmer