Marco Frei

Luzern: Die Krux mit dem Motto

Wie divers war das Lucerne Festival?

Rubrik: Bericht
erschienen in: das Orchester 12/2022 , Seite 48

Wenn zur Eröffnung die britische Kontrabassistin Chi-chi Nwanoku eine Rede zu „Diversity“ hält, ist das ein starkes Statement. Immerhin zählte sie einst zu den ersten farbigen Mitgliedern eines europäischen Orchesters und hat einige „diverse“ Klangkörper initiiert. Die „Ohrfeige“ folgte sogleich, als das Lucerne Festival Orchestra auf das Podium trat: durchwegs weiße Mitglieder, überdies mit gewöhnlichem Geschlechter-Verhältnis in den jeweiligen Stimmgruppen und Positionen.
Gut gemeint, aber nicht ganz zu Ende gedacht: Das war insgesamt die Bilanz beim diesjährigen „Diversity“-Motto des Lucerne Festival in der Schweiz. So gestaltete Anne-Sophie Mutter zur Eröffnung mit dem Lucerne Festival Orchestra unter Riccardo Chailly das Violinkonzert op. 5 Nr. 2 des 1799 verstorbenen Joseph Bologne. Er gilt als erster „Composer of Color“ in der europäischen Kunstmusik und wurde zeitlebens als „schwarzer Mozart“ tituliert.
Zu den besten Werken Bolognes zählt das vorgestellte Werk indessen nicht: schulmeisterhaft die Modulationen, einfältig die melodische Erfindung. Die Aufführung in Luzern war kont­ra­produktiv, weil das Klischee eines „unfertig kom­ponierenden Schwarzen“ unfreiwillig bestärkt wurde.
Als „Artiste Étoiles“ wurden zwei dunkelhäutige Musiker:innen verpflichtet: die Sopranistin Angel Blue und der 42-jährige US-Amerikaner Tyshawn Sorey. „Divers“ ist nicht einfach die dunkle Hautfarbe Soreys. Als Musiker ist er auch im Jazz zu Hause. In seinen Kompositionen gibt es zudem einen Bruch zwischen konventionell notierten und improvisierten Werken. Im ersten Fall stille, langgedehnte Reduktionen, in letzterem auch überaus expressive, kraftvolle, clusterhaft großflächige Ausbrüche: Bei der Werkschau mit dem hellhörig musizierenden Lucerne Festival Contemporary Orchestra prallten völlig unterschiedliche Persönlichkeiten aufeinander. In Autoschediasms I-III für Orchester, Sorey selbst spricht von „Live-Kompositionen“, lässt er zudem eine fast schon kitschige Hyperromantik zu – garniert mit skurrilen Vogelmusiken.
Auch Thomas Adès, der diesjährige „Composer in Residence“, lebt eine schöpferische Diversität: Postmoderne inklusive Anleihen fernab der Klassik-Sphäre. Bei ihm ist aber die Tradition stets omnipräsent. Rund um die Adès-Uraufführung – Air mit Mutter als Solistin und Adès am Pult – wurde zugleich ein Programm geschnürt, das bei aller Andersartigkeit einheitlich wirkte.
Das alles ist schön, aber: Dass bei der Planung des „Diversity“-Festivals lange vor Ausbruch des Ukraine-Kriegs mit Valerij Gergiev ausgerechnet ein Dirigent eingeladen wurde, der 2013 auf einer Pressekonferenz der Münchner Philharmoniker homophobe Gesetze in Russland relativiert hatte, ist mehr als nur irritierend. Seine Ausladung infolge des Kriegs macht die Sache keineswegs besser. Das Festival 2023 soll sich um „Natur und Ökologie“ drehen. Hoffentlich findet man zur alten Schärfe zurück.