George Gershwin

Lullaby für Streichquartett

hg. von Norbert Gertsch, Urtext, Stimmen/Studienpartitur

Rubrik: Noten
Verlag/Label: Henle, München 2017
erschienen in: das Orchester 09/2018 , Seite 74

Von George Gersh­win gibt es ein einziges Werk für Stre­ichquar­tett: Lul­la­by. Wahrschein­lich hat er es als Auf­gabe von seinem Kom­po­si­tion­slehrer Edward Kilenyi erhal­ten und es hat ihm so gut gefall­en, dass er es später in ein­er Broad­way-Revue ein­set­zte.
Die Quel­len­lage ist durchwach­sen, wie Her­aus­ge­ber Nor­bert Gertsch in seinem auf­schlussre­ichen Vor­wort schreibt. Es gibt näm­lich kein Auto­graf, wed­er der Stim­men noch der Par­ti­tur. Als Auto­graf ist nur die Fas­sung für Klavier vorhan­den, und die umfasst nur 27 der ins­ge­samt 162 Tak­te, näm­lich das Wiegen­lied. Eine Aus­gabe des Stre­ichquar­tetts gibt es seit 1968, nach­dem 1967 das kurze Werk vom Juil­liard String Quar­tet uraufge­führt wor­den war. Zuvor gab es die Auf­führung ein­er Bear­beitung für Akko­rdeon durch den Har­moni­ka-Vir­tu­osen Lar­ry Adler. Die damals veröf­fentlichte Stre­ichquar­tett-Aus­gabe ist noch immer bei Alfred Pub­lish­ing Co. erhältlich.
Der Hen­le-Ver­lag legt nun eine wis­senschaftlich erar­beit­ete Urtex­taus­gabe vor, die sich im Wesentlichen auf den Stimm­satz stützt, der von einem unbekan­nten Autor abgeschrieben wurde. Die auto­grafe Par­ti­tur ging offen­bar ver­loren. Die auto­grafe Klavier­fas­sung ist undatiert und kann möglicher­weise auch nach dem Stre­ichquar­tett ent­standen sein.
Das etwa acht­minütige Werk ist für Stre­ichquar­tette ein dankbares Stück, gle­ich­sam ein früher Cross-over-Beitrag, ange­siedelt zwis­chen Jazz, Salon und Klas­sik. Der erste Geiger wird mit Fla­geo­lettspiel und Oktav- und Terz­grif­f­en gefordert. Das gesamte Ensem­ble muss sich in die synkopen­re­iche, „swin­gende“ Rhyth­mik von Gersh­win ein­leben. Ins­beson­dere der Cel­list – er ver­tritt den Bassis­ten aus dem Jazz – hat hier eine wichtige Rolle. Die stim­mungsvolle Melodie wird zu einem ruhi­gen, ein wenig sen­ti­men­tal­en „Song“ für Stre­ichquar­tett ver­ar­beit­et. So kann dieses Lul­la­by als schön­er Ausklang eines Stre­ichquar­tet­tkonz­erts höchst wirkungsvoll einge­set­zt wer­den.
Die Aus­gabe des Hen­le-Ver­lags schafft die Voraus­set­zung für eine eigen­ständi­ge Inter­pre­ta­tion. Das Noten­bild der Stim­men ist klar und über­sichtlich. Die Par­ti­tur ermöglicht einen guten Überblick über den musikalis­chen Satz. Fin­ger­sätze, Angaben zur Dynamik und Artiku­la­tion wur­den vom Stimm­satz der Abschrift über­nom­men. Das gibt den Inter­pre­ten den direk­ten Zugang zum Werk, unver­fälscht durch „inter­pretierende“ Her­aus­ge­ber.
Allerd­ings ist „Urtext“ hier in diesem konkreten Fall doch auch wiederum höchst frag­würdig: Wenn kein Auto­graf vorhan­den ist und man sich nur auf die Abschrift eines Unbekan­nten stützen kann, ist es genau und kon­se­quent betra­chtet nicht möglich, von einem „Urtext“ zu sprechen. Bei aller Wertschätzung der Henle’schen
Urtex­taus­gaben: Hier hat sich der Marken­na­men verselb­st­ständigt, worunter dann eine dif­feren­zierte Betra­ch­tung lei­det. Aber sei’s drum: Nüt­zlich und hil­fre­ich für die Prax­is ist diese neue Aus­gabe alle­mal.
Franzpeter Mess­mer