Chris Walton

Lügen und Erleuchtungen

Komponisten und ihre Inspiration von Wagner bis Berg

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: Königshausen & Neumann
erschienen in: das Orchester 02/2018 , Seite 60

In Hans Pfitzn­ers Palest­ri­na endet der erste Akt mit einem spir­ituellen Erleb­nis der Titelfig­ur: Dem schöpferisch aus­ge­laugten Renais­sance-Kom­pon­is­ten erscheinen Meis­ter der Tonkun­st und spenden ihm neue musikalis­che Kräfte. Pfitzn­er vertei­digte ger­adezu ver­bis­sen, ja aggres­siv die Auf­fas­sung von sub­limer Inspi­ra­tion, wie sie dem 17. und 18. Jahrhun­dert freilich noch unbekan­nt war. Solch­er Überzeu­gung hat­te nicht zulet­zt Richard Wag­n­er die Wege geeb­net. Am Ende des 19. Jahrhun­derts gab es durch Friedrich von Hauseg­ger eine Umfrage zum The­ma bei repräsen­ta­tiv­en Kom­pon­is­ten. Die Antworten fie­len freilich zu unter­schiedlich aus, um zu ein­er verbindlichen The­o­rie zu tau­gen.
In jüng­ster Zeit wurde das umstrit­tene The­ma noch ein­mal in einem Buch von Her­mann Danuser und Gün­ter Katzen­berg­er aufge­grif­f­en, welch­es diverse Vor­lesun­gen zusam­men­fasst, wobei der Titel Vom Ein­fall zum Kunst­werk bere­its hin­länglich andeutet, dass die Inspi­ra­tion als lediglich eines von mehreren musikalis­chen Kri­te­rien betra­chtet wird. Chris Wal­ton, Dozent für Musikgeschichte in Basel, legt es bei sein­er Pub­lika­tion noch weniger auf Lück­en­losigkeit an, beg­nügt sich mit einem Pars pro toto, was aber zu genü­gend erhel­len­den, teil­weise sog­ar ent­lar­ven­den Ergeb­nis­sen führt.
Wal­ton wid­met Wag­n­er als erstem Repräsen­tan­ten seines Buchs detail­vers­essen kri­tis­che Aufmerk­samkeit. Her­vorge­hoben wird bei dessen Beethoven-Essay („schw­er­fäl­lig“, „weitschweifig“) ein „Sophis­mus…, der selb­st für Wag­n­er atem­ber­aubend ist“ und oft nur dazu dient, die eigene Per­son ins Ram­p­en­licht zu set­zen. Bei Gus­tav Mahlers „Aufer­ste­hungs-Sin­fonie“ ist es nicht dieser, welch­er eines lügner­ischen Vok­ab­u­lars über­führt wird, son­dern sein „Fre­und“ Joseph Foer­ster, welch­er u.a. die Überzeu­gung äußert, dem Meis­ter intu­itiv die stim­mige Ein­fü­gung von „Urlicht“ einge­flüstert zu haben, was entste­hungschro­nol­o­gisch und auch musikalisch wider­leg­bar ist.
Eine weit­ere Desil­lu­sion­ierung Wal­tons bet­rifft Alban Berg und sein Vio­linkonz­ert. Der Beiname Dem Andenken eines Engels bezieht sich auf die früh ver­stor­bene Manon Gropius, Tochter von Alma Mahler. Die Wid­mung scheint quel­len­mäßig eben­so wider­sprüch­lich wie die Behaup­tung Helene Bergs, ihr Gat­te habe bei Vol­len­dung des Werks seinen eige­nen Tod vor Augen gehabt. Wesentliche Teile des Konz­erts existierten aber bere­its ein Jahr zuvor. Helenes Authen­tiz­ität also: „hüb­sch poet­isch, aber nichts als Erfind­ung“.
Wider­sprüch­lich­es wird auch im Kapi­tel über Wil­helm Furtwän­gler doku­men­tiert. Den­noch dürfte stim­men, dass Kom­ponieren in späten Jahren ein „Rück­zug von den Widrigkeit­en des täglichen Lebens hin zu ein­er sicheren Innen­welt“ bedeutete. Der ego­man­is­che Richard Strauss war um sein leib­lich­es Wohl eben­so bemüht wie um die Präsenz sein­er Werke in der Öffentlichkeit. Selb­st die hin­reißen­den Vier let­zten Lieder haben sich bei Wal­ton ein­er schmerzhaften Real­itäts­forschung zu stellen. Seine Dar­legun­gen erfordern trotz des flüs­si­gen Erzählstils ständi­ges Nach­denken und Nach­blät­tern.
Christoph Zim­mer­mann