Meinrad Walter (Hg.)/Hans-Joachim Hinrichsen/Jakob Johannes Koch

Ludwig van Beethoven Missa Solemnis

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: Carus
erschienen in: das Orchester 03/2020 , Seite 60

Welch schöne Allit­er­a­tion: „Wort/Werk/Wirkung“. Dahin­ter ver­birgt sich eine neue Rei­he zu geistlichen Chor­w­erken, her­aus­gegeben von Carus in Zusam­me­nar­beit mit der Deutschen Bibel­ge­mein­schaft. Das Konzept sieht vor, inspiri­erende Wirkun­gen des von den Kom­pon­is­ten ver­ton­ten Bibel­textes zu unter­suchen, aber auch die Fol­geerscheinungen zu durch­leucht­en, welche die Werke in der Nach­welt aus­gelöst haben. Als Startwerk wurde Lud­wig van Beethovens uni­ver­sale Mis­sa Solem­nis aus­gewählt – zu Recht, denn nach wie vor haftet dem Mon­u­men­tal­w­erk das Image des Schwieri­gen an. Dabei hat Beethoven seine Mis­sa – er selb­st ver­wen­dete den Titel Solem­nis nicht – als „das gröste Werk, welch­es ich bish­er geschrieben“ eingestuft.
Neben ein­er bestechend klar ver­fassten Entste­hungs­geschichte des Werks prä­gen das Buch zwei her­vor­ra­gende Kapi­tel, die weit über das bis­lang zu dieser Messe Geschriebene hin­aus­ge­hen. Da liest man zunächst einen bril­lanten „Hin­ter­grund­bericht“ über Beethovens Ein­stel­lung zu den Strö­mungen des Katholizis­mus zu sein­er Zeit. Das Suchen und Find­en des Kom­pon­is­ten in Tex­tüber­set­zun­gen oder seine Gespräche mit dem Moral­philosophen Michael Sail­er recht­fer­ti­gen dabei die Ver­mu­tung, dass Beethoven let­ztlich zu einem indi­vidu­ellen, mul­ti­plen und spir­ituellen Chris­ten wurde. Und die Mis­sa Solem­nis ist in Wirk­lichkeit ein tönen­des Zeug­nis aller exis­ten­ziellen Lebenser­fahrun­gen des in Bonn gebore­nen Kom­pon­is­ten, der zwar einen litur­gis­chen Tra­di­tion­s­text ver­tont, den­noch eine Messe von uni­ver­saler Dimen­sion schafft. Schon von daher sei der Konz­ert­saal ihr richtiger Platz.
Im zweit­en zen­tralen Kapi­tel wird sodann die Rezep­tion­s­geschichte der Mis­sa Solem­nis anhand repräsen­ta­tiv­er Urteile bedeu­ten­der Musik­er und Musikolo­gen dargestellt. Hier kom­men Per­sön­lichkeit­en wie Anton Felix Schindler, Eduard Hanslick, Richard Wag­n­er, Hugo Rie­mann, Wil­helm Furtwän­gler, Theodor W. Adorno oder Carl Dahlhaus zu Wort. Deren Stel­lung­nah­men lesen sich wie ein span­nen­der Roman, denn die Ein­schätzun­gen gehen von: „die merk­würdig­ste religiöse Com­pos­tion seit dem Mes­sias von Hän­del“ über: „Sachen, die kein Sänger sin­gen kann“ bis hin zu: „die Messe ist die Krö­nung des acht­gliedri­gen Sym­phonien-Mon­u­ments und damit zugle­ich der Stützpunkt für die Neunte“. Eine solcher­art zusam­mengestellte Diver­sität von Expertenurteilen sagt mehr über Beethovens Mon­u­men­talmesse aus als jede noch so fundierte Werk­analyse.
Wem das noch immer nicht hil­ft beim Zugang zur „schwieri­gen“ Mis­sa Solem­nis, der sollte zur CD greifen, die dem Buch beige­fügt ist, und sich ein eigenes Urteil bilden. Die Plat­te enthält eine Ein­spielung mit der Hofkapelle und dem Kam­mer­chor Stuttgart sowie vier grandiosen Solis­ten. Sie leg­en unter der Leitung des genialen Frieder Bernius eine bis­lang im wahrsten Sinne „uner­hörte“ Inter­pre­ta­tion des gewalti­gen Beethoven-Opus vor: ohne Pathos, durch­sichtig, schlank. Carus hat mit dieser CD die Mess­lat­te sehr hoch gelegt. Das macht Vor­freude auf weit­ere Bände der geplanten Rei­he.
Thomas Krämer