Ludwig van Beethoven

Missa Solemnis

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Pentatone
erschienen in: das Orchester 01/2018 , Seite 68

Let­zten Werken und let­zten Worten wohnt ja ein immer­währen­der Zauber inne, etwas immer­während Gültiges umwe­ht sie qua­si. Nun ist Beethovens Mis­sa solem­nis zwar ein spätes, aber nicht sein let­ztes Werk, und Marek Janows­ki ste­ht hof­fentlich noch länger am Dirigen­tenpult – aber nun eben nicht mehr als Chef des Berlin­er Rund­funk-Sin­­fonieorch­esters. Er macht, um seine eige­nen Worte zu gebrauchen, „Platz für einen Jün­geren“. Bevor er jedoch Vladimir Jurows­ki den Stab übergibt, zieht er Bilanz sei­ner Zeit in Berlin. Es hat etwas zu bedeuten, wenn Janows­ki seinen Abschied mit Beethovens großer Messe bege­ht: Abschiedswerke wählt man mit Bedacht, sie sagen etwas aus über den, der geht. Und Janows­ki hat eine Menge zu sagen.
Beethoven rang lange mit der Messe, mit ihrem the­ol­o­gis­chen und musikalis­chen Gehalt und den Tra­di­tio­nen des katholis­chen Messkanons. Gedacht war die Mis­sa solem­nis ursprünglich als Kom­po­si­tions-Geschenk an den Gön­ner, Schüler und Men­tor Erzher­zog Rudolph zur Gestal­tung des Pon­tif­ikalamts zur Amt­se­in­führung als Erzbischof von Olmütz. Doch dazu sollte es nicht kom­men: Beethovens Rin­gen um die Gestalt der Messe war zur Amts­einführung noch nicht been­det. Uraufge­führt wurde das Werk einige Jahre später in Sankt Petersburg.Von all dem Mühen um dieses Werk, ja von dessen Heimat­losigkeit – Kirchen­musik als dienende Musik inner­halb der Litur­gie oder doch Musi­ca abso­lu­ta für den Konz­ert­saal? – hat sich Ja­nows­ki befre­it. Beethovens Messe erklingt als Sym­phonie, sozusagen als Dur-Gegen­klang zum d-Moll der 9. Sym­phonie. Schon mit den ersten Klän­gen steckt Janows­ki den Rah­men ab, unmissver­ständlich. Sein Beethoven schre­it­et zügig daher, recht zügig sog­ar und vor allem rhyth­misch pointiert. Das Kyrie ist kein Ruf um Erbar­men, es wird zum Ma­nifest des Sym­phonis­chen, schön anzuhören, wun­der­bar aus­bal­anciert zwis­chen einem geschmei­digen Orch­ester, dem MDR Rund­funk­chor aus Leipzig und dem Solis­ten­quar­tett. Grü­beln, Suchen, Rin­gen – weit gefehlt. Hier über­wiegt der volle Wohlk­lang. Beethoven trägt Aus­rufeze­ichen! Da wer­den dann auch mal die orig­i­nalen dynamis­chen Vorschriften umgedeutet, das des dreifachen Forte im Bläsere­in­satz des Glo­ria etwa: Es mutiert kurz­er­hand zum Crescen­do/De­crescen­do-Wech­sel.
Peni­bel achtet der schei­dende Chef auf den Vokalpart. Dort, wo die Sänger im Orch­ester­rausch zu versinken dro­hen, tritt er auf die dynamis­che Bremse, nimmt das Orch­ester zurück, schafft Raum fürs Stimm­liche. Auf der anderen Seite fordert er durch zügige Tem­powahl den Sängern so einiges ab. Doch wed­er bei den Solis­ten noch beim Chor sind da Schwächen zu hören.
Zu seinem Abschied aus Berlin schenkt uns Marek Janows­ki eine zutief­st per­sön­liche Inter­pre­ta­tion des Werks, mit Eck­en und Kan­ten. Sicher­lich kann man sich an den Kan­ten reiben, aber es bleibt eine Inter­pre­ta­tion, die klar und unmissver­ständlich eine Botschaft hat. Ein Abschieds­geschenk, das in Erin­nerung bleibt. Danke.
Markus Roschin­s­ki