Claudio Monteverdi

L’Orfeo

Ensemble Vocal de Poche, I Gemelli, Ltg. Emiliano Gonzalez Toro

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Naïve
erschienen in: das Orchester 04/2021 , Seite 66

Während bis vor zehn Jahren Neuein­spielun­gen dieses früh­esten Opern­werks in regelmäßi­gen Abstän­den her­auska­men, ist seit­dem der Strom nahezu ver­siegt. Mon­teverdis „favola in musi­ca“ – so wur­den diese ersten Opern beze­ich­net – erscheint nun nach über drei­jähriger Pause in ein­er Stu­dioauf­nahme. Aufgenom­men wurde sie im Jan­u­ar 2020 im Corum in Mont­pel­li­er, einem mod­er­nen Opern­bau aus den 1980er Jahren.
Hin­ter diesem Pro­jekt ste­ht der Tenor Emil­iano Gon­za­lez Toro, bish­er haupt­säch­lich als Hän­del-Inter­pret bekan­nt. Er verkör­pert nicht nur den Orfeo, son­dern ist auch der Diri­gent der Auf­nahme. Nicht zulet­zt ist er aber auch konzep­tionell der Impuls­ge­ber, wie man einem der Kurzes­says im Book­let ent­nehmen kann.
Hier erk­lärt er unter anderem die Wahl der Tem­pi für die einzel­nen Num­mern dieser frühen Oper. Als Ori­en­tierungspunkt dient die große Arie des Orfeo „Pos­sente Spir­to“ im inhaltlichen Zen­trum des Werks. Das dort fest­gelegte Tem­po – Gon­za­lez Toro spricht von „tac­tus“ oder Puls – bes­timmt alle anderen Teile der Oper. Abhängig von der emo­tionalen An- oder Entspan­nung beschle­u­nigt oder ver­langsamt sich der Puls, was die auf­fäl­li­gen Extreme erklärt.
Bis auf den Beginn wird prak­tisch der gesamte erste Akt in einem her­aus­fordernd zügi­gen Tem­po genom­men. Das Chorstück „Las­ci­ate i mon­ti“ wirkt dadurch beispiel­sweise recht gezwun­gen, in den Instru­men­tal­ri­tor­nellen wer­den bisweilen Verzierun­gen ger­adezu ver­schluckt. Auch das berühmte tänz­erische Ritor­nell „Vi ricor­da“ aus dem zweit­en Akt fliegt an den Hör­ern ger­adezu vor­bei. Das „Pos­sente Spir­to“, der oben erwäh­nte Ori­en­tierungspunkt, begin­nt hinge­gen in einem getra­ge­nen, ein­er Trauer­musik angemesse­nen Tem­po, wodurch die orna­men­tale Struk­tur beson­ders ein­drucksvoll her­vorge­hoben wer­den kon­nte. Zweifel­los han­delt es sich bei diesem Satz um ein inter­pre­ta­torisches Glanzstück, das Gon­za­lez Toro hier gelingt.
Gesan­glich hat sich Gon­za­lez Toro ganz der Wor­taus­deu­tung ver­schrieben, wie es dem monodis­chen Charak­ter vol­lkom­men entspricht. Dadurch entwick­elt er eine sehr stark aus­geprägte stimm­liche Dra­matik, die in anderen Auf­nah­men, so z. B. bei Jor­di Savall, nicht zu vernehmen ist. Auch ein an eine vibratofreie, glat­te Stimm­lichkeit gewohn­ter Hör­er wird diese Expres­siv­ität zu schätzen ler­nen. Die anderen Sänger passen sich in diese konzep­tionelle Aus­rich­tung ein: Mez­zoso­pranistin Natal­ie Pérez als Botin mit einem bril­lanten Tim­bre und Bassist Jérôme Varnier, der den Fährmann Caronte überzeu­gend darstellt. Lediglich Emőke Baráth (Sopran) fällt in ihrer Rolle als La Musi­ca dage­gen ab. Das Ensem­ble Vocal de Poche meis­tert die Anforderun­gen von Par­ti­tur und Inter­pre­ta­tion hinge­gen ein­drucksvoll. Die 31 Instru­men­tal­is­ten von I Gemel­li begleit­en klan­glich aus­geglichen und den­noch vir­tu­os, wo es nötig ist.
Das Book­let in franzö­sis­ch­er und englis­ch­er Sprache enthält das Libret­to, Porträts der aus­führen­den Musik­er sowie zwei Kurzessays.
Karim Hassan