Hilmes, Oliver

Liszt

Biographie eines Superstars

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: Siedler, München 2011
erschienen in: das Orchester 07-08/2011 , Seite 65

Wenn Oliv­er Hilmes seine lit­er­arische Annäherung an Franz Liszt als „Biogra­phie eines Super­stars“ beze­ich­net, so mag dies reißerisch klin­gen, charak­ter­isiert aber entschei­dende Momente des Lebenswegs des großen Pianis­ten, Kom­pon­is­ten und Päd­a­gogen recht genau. Die Wirkung des reisenden Vir­tu­osen Liszt auf sein Pub­likum muss dur­chaus ver­gle­ich­bar mit der von heuti­gen Pop­stars gewe­sen sein, Ohn­macht­sat­tack­en weib­lich­er Fans inklu­sive. Anson­sten schildert der erfahrene Biograf Liszts ereignis­re­ich­es Leben zwar far­ben­re­ich, aber ohne den Blick allzu voyeuris­tisch-sen­sa­tion­slüstern zu schär­fen. Hilmes beschreibt die prob­lema­tis­che Jugend des Wun­derkn­aben, der auch als Pro­jek­tions­fläche für die Ambi­tio­nen seines frus­tri­erten Vaters dienen musste, eben­so wie die frühen Jahre des auf­steigen­den Vir­tu­osen in Paris anschaulich, auch wenn das kul­turelle Umfeld, in dem sich Liszt bewegte, etwas blass bleibt.
Die Vielschichtigkeit der Per­sön­lichkeit Liszts, der wohl eben­so begabt, großzügig und hil­fs­bere­it wie auch eit­el, von religiös­er Inbrun­st und dem Hang zu (ver­heirateten) Frauen geprägt war, wird indes plas­tisch geschildert, die prob­lema­tis­chen Beziehun­gen zu Marie Comtesse d’Agoult und Prinzessin Car­olyne von Sayn-Wittgen­stein nehmen entsprechend auch der Bedeu­tung für Liszts men­schliche und kün­st­lerische Entwick­lung bre­it­en Raum ein. Die Wan­der­jahre des Vir­tu­osen, der die Form des Soloklavier­recitals erfand, seine Weit­er­en­twick­lung der Klaviertech­nik oder Liszts Bedeu­tung als Kom­pon­ist von so epochalen Werken wie den Tran­szen­den­tal­en Etü­den, der h-Moll-Sonate, aber auch sein inno­v­a­tives Poten­zial, was Har­monik oder kom­po­si­tion­stech­nis­che Neuerun­gen bis hin zur Etablierung der Gat­tung der „Sin­fonis­chen Dich­tun­gen“ ange­ht, wer­den angeris­sen, ohne immer die nöti­gen ver­tiefend­en Erläuterun­gen zu find­en.
Hilmes’ Zeich­nung der Per­sön­lichkeit Liszts kann deshalb ins­ge­samt überzeu­gen, weil bei allem Inter­esse an dem Kom­pon­is­ten der Autor die nötige Dis­tanz zu Liszt wahren kann, dessen Schwächen nicht ver­schweigt, ohne ihn aber dur­chaus ver­ständlichem Spott auszuset­zen. Die Reli­giosität, die ihn let­ztlich in Rom die niederen Wei­hen eines Abbés annehmen ließ, wird in ihrer Wider­sprüch­lichkeit entsprechend beleuchtet.
Wie leicht Liszt, der als großzügiger Förder­er seines späteren Schwiegersohns Richard Wag­n­er Musikgeschichte schrieb, bee­in­fluss­bar war, wenn sein­er Eit­elkeit geschme­ichelt wurde, zeich­net die Biografie augen­zwinkernd am Beispiel der päd­a­gogis­chen Tätigkeit von Liszt beson­ders in seinen späteren Jahren in Weimar nach.
Seine genauen Ken­nt­nisse der Wag­n­er-Dynas­tie nutzt Hilmes, der zuvor schon Cosi­ma Wag­n­er und ihre Kinder ein­drück­lich in Biografien porträtiert hat­te, in dem Kapi­tel „La Vie Tri­furquée“, das sich kri­tisch mit der Behand­lung Liszts durch Cosi­ma Wag­n­er in Bayreuth bis zu seinem Tod auseinan­der­set­zt. Die let­zten Tage des Musik­ers in der Wag­n­er-Stadt wer­den von Hilmes als „Trauer­spiel, ein bizarrer Toten­tanz, eine mor­bide Groteske, die auch heute noch bewegt und erschaud­ern lässt“, geschildert. Oliv­er Hilmes ist im Liszt-Jahr eine eben­so far­ben­re­iche wie pro­funde Annäherung an den großen Pianis­ten und Kom­pon­is­ten gelun­gen.
Wal­ter Sch­neck­en­burg­er