Reynaldo Hahn

L’Île du rêve

Choeur du Concert Spirituel, Münchner Rundfunkorchester, Ltg. Hervé Niquet

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Palazetto Bru Zane,
erschienen in: das Orchester 05/2021 , Seite 83

Als Pierre Lotis auto­bi­ografis­che Erzäh­lung Le Mariage de Loti 1880 erschien, rühmte die Tageszeitung Le Figaro sie als eines der „apartesten Werke seit Langem“. Das ließe sich vom Son­ntagskonz­ert am 26. Jan­u­ar 2020 im Münch­n­er Prinzre­gen­tenthe­ater eben­falls sagen. Nach CD-Edi­tio­nen von Goun­ods Cinq-Mars, Ben­jamin Godards Dante, Saint-Saëns’ Pros­er­pine und Goun­ods Le trib­ut de Zamo­ra gelangte das Münch­n­er Rund­funko­rch­ester in sein­er beachtlichen Rei­he von Kopro­duk­tio­nen mit dem Palazzet­to Bru Zane – Cen­tre de musique roman­tique française zur Trau­min­sel Tahi­ti im ersten Büh­nen­werk des zum Zeit­punkt von dessen Entste­hung ger­ade 23-jähri­gen Rey­nal­do Hahn. Der in Cara­cas geborene Kom­pon­ist gab sein­er Begeis­terung für das Sujet in berück­enden Ton­malereien Ausdruck.

Beim Hören dieser CD ist es unver­ständlich, dass die Kri­tik­er zur Pre­miere am 23. März 1898 in der Paris­er Opéra-Comique die Qual­ität der ungewöhn­lichen Werk­dra­maturgie nicht erkan­nten. Jules Massenet set­zte großes Ver­trauen in seinen Schüler, engagierte sich für die Auf­führung des ein­stündi­gen Einak­ters und empf­ing von Hahn dafür die Wid­mung zu L’Île du rêve. Inhaltlich ste­ht die melan­cholis­che Romanze zwis­chen Lak­mé von Léo Delibes und André Més­sagers Madame Chrysan­thème, einem Büh­nen­vor­läufer von Puc­ci­nis weitaus mehr geschärfter Madama Butterfly.

Aber anders als Puc­ci­nis amerikanis­ch­er Leut­nant Pinker­ton, der Japan­er als Men­schen zweit­er Klasse betra­chtet, will Hahns Offizier Georges de Ker­ven seine tahi­tian­is­che Geliebte Mahénu mit sich nach Paris nehmen. Diesen Gedanken ver­wirft er jedoch auf Rat von Prinzessin Oré­na (Anaïk Morel). Die Lieben­den ver­ab­schieden sich mit einem zärtlichen „Bis mor­gen!“, aber sie wis­sen bei­de, dass es dieses Mor­gen für sie nicht geben wird und Georges mit sein­er Ein­heit sofort in See stechen muss. Wenn Mahénu den Fran­zosen mit einem exo­tis­chen Rit­u­al in die Insel­ge­mein­schaft aufn­immt, wer­den aus Chorstim­men Lotuskelche. Die Liebesszenen sind umfan­gre­ich­er als die Episo­den des um Mahénu wer­ben­den Chi­ne­sen Tsen Lee (Artavazd Sargsyan) und die Begeg­nung Georges’ mit Téria (Ludi­vine Gombert), die mit dessen Brud­er liiert war und durch Georges vom Tod ihres Lieb­habers erfährt.

Hahn kolo­ri­erte das Paradies Tahi­ti und die innige Beziehung Mahénus zu Georges in sub­tilen Melo­di­en und fein­er Instru­men­ta­tion. Cyrille Dubois charak­ter­isiert Georges mit delikater Dik­tion und Sen­si­bil­ität. Hélène Guil­mette kon­tert eben­bür­tig mit einem klaren, nicht zu leicht­gewichti­gen Sopran als Mahénu. Dazu ver­fügt das Münch­n­er Rund­funko­rch­ester über geschmackssichere Kom­pe­tenz für die Par­ti­tur und kostet deren Reich­tum unter dem akku­rat­en wie sen­si­blen Hervé Niquet genüsslich aus. Inspi­ra­tions­mo­mente für die exo­tis­che Fan­tasie find­et man in Bizets Per­len­fis­ch­ern, Djal­imeh und Massenets Der König von Lahore. Für Anhänger der franzö­sis­chen Oper ist diese Auf­nahme ein Muss – auch weil schon in diesem Früh­w­erk Hahns exk­lu­sive Begabung für den Umgang mit Sänger­stim­men hör­bar ist.

Roland Dip­pel