Sergei Prokofiev

Lieutenant Kijé Suite/Symphonies Nos. 1 + 7

Deutsches Symphonie-Orchester Berlin, Ltg. Tugan Sokhiev

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Sony Classical
erschienen in: das Orchester 12/2017 , Seite 66

Tat­säch­lich ist Sergej Prokof­jews Suite aus der Film­musik zu Lieu­tenant Kijé eines sein­er Werke, aus dem Teile in der Pop­kul­tur ein nach­schöpferisches Eigen­leben gewan­nen. Da kommt einiges zusam­men: das Flair des Welt­bürg­ers, der in die Sow­je­tu­nion zurück­kehrt; dessen kreativ­er Witz zwis­chen Stil und Aus­druck; dazu die Rät­sel­haftigkeit der Aus­sage hin­ter den ver­schlüs­sel­nden For­men. 1932 erhielt der Kom­pon­ist in Paris die Anfrage zu sein­er ersten Film­par­ti­tur. Es han­delt sich dabei keineswegs um eine Hochstil­isierung eines Teils der rus­sis­chen Geschichte, son­dern um eine beißende Satire auf die Bürokratie zu der Zeit von Paul I., Sohn von Katha­ri­na der Großen.
Auf dieses Präludi­um fol­gen Prokof­jews erste und let­zte Sin­fonie. Damit steckt diese CD qua­si den pro­gram­ma­tis­chen Rah­men von Prokof­jews Orchesterœuvre ab: Illus­tra­tion, Sim­u­la­tion, Enig­ma. Zu­gleich ist sie ein Abschieds­geschenk des 2016 auf­grund sein­er inten­siv­en Auf­gaben am Bolschoi-The­ater nach nur vier Jahren vom Deutschen Sym­phonie-Orch­ester Berlin geschiede­nen Chefdiri­gen­ten Tugan Sokhiev und seine Hom­mage zum 125. Geburt­stag des Kom­pon­is­ten.
Jet­zt gibt es ver­schiedene Möglichkeit­en der Ausle­gung von Prokow­jefs Orch­ester­w­erken: eine volksmusikalisch auftrumpfende, eine den Klas­sizis­mus vir­tu­os „ver­spie­lende“ und eine eher sel­tene, die aber hier die bezwin­gende ist. Tugan Sokhiev spürt näm­lich dem geistvollen Witz und der sei­di­gen Ele­ganz dieser Musik nach, über die er mit den Musik­ern einen weichen und ver­führerischen Glanz legt. Er schwel­gt in den illus­tri­eren­den Momenten der Film­musik. Er lässt in der Klas­sis­chen Sin­fonie einen schon fast selb­stver­liebten, aber min­destens selb­st­be­wussten Eigen­ton zu, der dem viel­ge­hörten Werk endlich wieder Neuar­tiges, ja Aufre­gen­des gibt. Die franzö­sis­chen Musikkri­tik­er, die Sokhiev mit der Ausze­ich­nung zur „Musik­er­per­sön­lichkeit des Jahres“ in der Kat­e­gorie Instru­men­tal­musik 2014 ehrten, kön­nen diese Auf­nahme noch nicht gekan­nt haben. Aber aus ihrer Per­spek­tive wären sie min­destens eben­so begeis­tert: Diese Ein­spielung über­schre­it­et manch­mal gar die Schwelle zur zer­fließen­den Weichze­ich­nung, aber das muss man ihr nach­se­hen. Denn nach dieser weichen Run­dung kön­nte man süchtig wer­den, auch weil Tugan Sokhiev das glitzernd Tänz­erische mit­denkt.
Sokhiev löst sich damit auch von der son­st oft in den Vorder­grund gerück­ten Form­sim­u­la­tion der Kom­pon­is­ten der Wiener Klas­sik. Damit ste­ht dieser Klang weitaus näher bei den Fêtes galantes und ästhetisieren­den Rokoko-Neuschöp­­fun­gen des franzö­sis­chen Fin de siè­cle als beim neok­las­sizis­tis­chen Ges­tus der 1920er Jahre. Mit einem Wort: Diese Emo­tion, diese gar nicht dicke Bal­ance und zugle­ich dieser Far­bre­ich­tum haben Sel­tenheitswert in der umfan­gre­ichen Prokof­jew-Disko­grafie. Deshalb erheben sie diese Ein­spielung des Deutschen Sym­phonie-Orch­esters Berlin in den Rang ein­er Notwendigkeit. Genau wie dessen ganzen Prokof­jew-Zyk­lus. Das Book­let kommt ohne Orch­ester-Porträt und Diri­gen­ten-Biografie aus.
Roland H. Dip­pel