Gustav Mahler / Anton Bruckner

Lieder eines fahrenden Gesellen/Des Knaben Wunderhorn / Vier Orchesterstücke

Markus Werba (Bariton), Orchestre national d’Île-de-France, Ltg. Enrique Mazzola

Rubrik: CDs
Verlag/Label: NoMadMusic
erschienen in: das Orchester 03/2020 , Seite 68

Eine gut gelun­gene, keine 60 Minuten lange CD mit Musik in klein­teiliger Form: Lieder und kurze Orch­ester­stücke. Und das von zwei großen öster­re­ichis­chen Musik-Roman­tik­ern im Lehrer-Schüler-Ver­hält­nis (Bruck­n­er – Mahler), die in ein­er Frage in ihren Vorstel­lun­gen vol­lkom­men übere­in­stimmten: dem Recht des Kom­pon­is­ten auf sin­fonis­che Weitschweifigkeit. Man kön­nte also sagen, diese CD führt auch den­jeni­gen Hör­er, der es mit der Weitschweifigkeit nicht so hat, an den sin­fonis­chen Klang her­an.
Tat­säch­lich bemüht sich das 1974 gegrün­dete Orch­ester der Île-de-France mit 95 ständi­gen Mit­gliedern darum, jedem Bürg­er an jedem Ort der Paris­er Region sin­fonis­che Musik nahezubrin­gen. Diese kul­turelle Dien­stleis­tung für die Gemein­schaft set­zt auf Pop­u­lar­ität ohne Qual­itäts­min­derung, seit eini­gen Jahren – genauer: seit 2012 unter Leitung des Ital­ieners Enrique Maz­zo­la – zudem auf medi­ale Verbindun­gen zwis­chen Audio und Video in Part­ner­schaft mit der Fil­min­dus­trie der Region Île-de-France und auf die Inklu­sion frem­dar­tiger Instru­menten­klänge wie den der ori­en­tal­is­chen Laute Oud, ander­sar­tiger Musikprak­tik­ern wie die von DJs und des ein­heimis­chen Chan­songe­sangs. Es gibt Ver­anstal­tun­gen speziell für Kinder und Musik-Shows für die ganze Fam­i­lie. Finanziell unter­stützt wird das Orch­ester in seinen musikpäd­a­gogis­chen Ambi­tio­nen vom regionalen Kul­tur­min­is­teri­um.
Musikpräsen­ta­tion, die sich als Musikver­mit­tlung begreift und den Hör­er den­noch nicht zum Schüler degradiert, das bietet die vor­liegende CD. Mahlers Lieder eines fahren­den Gesellen auf eigene Texte gibt es auch mit Klavier­be­gleitung. Doch der Diri­gent Maz­zo­la ist sich – laut Book­let – sich­er, dass Mahler die Viel­far­bigkeit des Orch­esterk­langs vorge­zo­gen haben muss, denn das enge Ver­hält­nis zwis­chen Klang und Text macht seine Lieder eigentlich erst in dieser Vari­ante durch­sichtig und ver­ständlich.
Was der öster­re­ichis­chen Bari­ton Markus Wer­ba mit sein­er beglück­end viel­far­bigen Stimme und deut­lichem Sprechen noch unter­stre­icht. Er ist wed­er sandig in der Tiefe noch unmännlich in der Höhe. Alles ist erfüll­ter Ton, und mit überzeu­gen­der Leichtigkeit kann er von lyrisch zu mar­tialisch und zwis­chen schmerz­er­füllt-resig­niert zu schmerz­er­füllt-aggres­siv wan­dern. In den Liedern eines fahren­den Gesellen wird das eben­so lebendig wie in der Auswahl von sechs Liedern aus der Brentano-Gedicht­samm­lung Des Knaben Wun­der­horn.
Das Orch­ester ist gle­icher­maßen aus­drucksstark und die von den Kom­pon­is­ten oft geforderten Bläs­er ent­täuschen nie in Klang und Ton­sauberkeit. Wie Lieder – ohne Worte – erscheinen auch die Orch­ester­stücke in vier Tem­pi und Charak­teren von Anton Bruck­n­er. Über­haupt die Tem­pi: Sie loten ohne Kalkül auf wilde Effek­te die Span­nun­gen zwis­chen Takt und Rhyth­mus gut aus.
Kirsten Lin­de­nau