Mahler, Gustav

Liebste Justi!”

Briefe an die Familie, hg. v. Stephen McClatchie

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: Weidle, Bonn 2006
erschienen in: das Orchester 06/2006 , Seite 77

Die über 500 größ­ten­teils bis­lang unbekan­nten Briefe Gus­tav Mahlers an seine Fam­i­lie aus den Jahren 1876 bis 1910 sind die faszinierend­sten biografis­chen Zeug­nisse des Kom­pon­is­ten, die seit langem pub­liziert wur­den. Sie erhellen nicht nur sein gesamtes Stu­di­en- und Beruf­sleben, son­dern geben uns vor allem Ein­blick in sein pri­vates Umfeld. Haup­tadres­satin der Briefe ist Mahlers Lieblingss­chwest­er Jus­tine, die sich nach dem frühen Tod der Eltern in allen prak­tis­chen Belan­gen um die Geschwis­ter Emma, Otto und Alois zu küm­mern hat­te, während Gus­tav aus der Ferne gewis­ser­maßen als Fam­i­lienober­haupt agierte, eine Rolle, die ihm als Ältestem und einzig beru­flich Erfol­gre­ichem unfrei­willig zufiel. Dabei wird deut­lich, wie ein­fühlsam und geduldig Mahler die Aus­bil­dung sein­er Brüder mit Rat und großzügiger finanzieller Tat begleit­ete, wie streng und kom­pro­miss­los er ander­er­seits auf­trat, wenn ihn die Brüder wieder­holt – nicht nur in finanziellen Din­gen – hin­tergin­gen und seine ernor­men Anstren­gun­gen um Pri­vatlehrer, Aus­bil­dungs- oder Arbeit­splätze auss­chlu­gen.
Wie hoff­nungs­los Mahlers gemein­sam mit sein­er Schwest­er getätigte Bemühun­gen let­ztlich waren – zumin­d­est im Fall des musikalisch begabten Otto, der Selb­st­mord beg­ing –, bestäti­gen vom Her­aus­ge­ber Stephen McClatchie einge­flocht­ene unveröf­fentlichte Pas­sagen aus Nathalie Bauer-Lech­n­ers Erin­nerun­gen, die der gesamten Fam­i­lie sehr nahe stand und bis 1901 gemein­sam die Som­merurlaube mit den Mahlers ver­brachte. Geld­fra­gen (und ‑sor­gen) sind seit der unglück­lichen Über­nahme des Iglauer Fam­i­lienerbes, die Hel­mut Bren­ner im Anhang erhel­lend aufk­lärt, bis zur Jahrhun­der­twende ein Haupt­the­ma der Briefe.
Aber auch über Mahlers wech­sel­ndes Ver­hält­nis zu seinen Orch­estern, Sängern, Kol­le­gen, Inten­dan­ten, ja über den gesamten Plan sein­er beru­flichen Kar­riere ein­schließlich der­jeni­gen als Kom­pon­ist enthält die Kor­re­spon­denz wesentliche, weil eben offen­herzige Auskün­fte. So bele­gen die Briefe, dass Mahler bere­its seit Sep­tem­ber 1891, also fün­fein­halb Jahre vor sein­er Beru­fung an die Wiener Hofop­er, diesen Schritt vorzu­bere­it­en begann. Dass die Wiener Phase dann nach allen Wirren eine zumin­d­est für gewisse Zeit glück­liche wurde, lag auch an der Verän­derung der famil­iären Umstände.
Fast scheint es so, als habe Justines enge Verbindung mit dem Wiener Konz­ert­meis­ter Arnold Rosé Gus­tav Ende 1901 zusät­zlich motiviert, sich zu vere­he­lichen. Der Wahl der jun­gen Alma Schindler jeden­falls, und das bele­gen diese Brief en detail, hat Jus­tine als eng­ste Bera­terin enthu­si­astisch zuges­timmt: „Es kommt mir [darauf] an, […] dass sie gut ist und Dich liebt, denn dann kannst Du Dir sie erziehen, wie Du mich ja erzo­gen hast. […] Weißt Du, dass ich heira­then muß, füh­le ich als absolute Notwendigkeit für uns bei­de. Du wirst eben auch heira­then und das wird die Lösung für Alles sein. Deine Frau wird nicht anders kön­nen als Dich lei­den­schaftlich lieben, Du zwingst ja jeden dazu […].“ Mahler selb­st war hier weit mehr Bedenken­träger und sah Prob­leme bere­its voraus, ja zweifelte sog­ar daran, ob er das Recht habe, „soviel Jugend und Lebens­frische an seine Über­reife […] zu ket­ten“. Ander­er­seits zeigen die Briefe, wie früh er der wesentlich älteren Nathalie Bauer-Lech­n­er – die lei­den­schaftlich in ihn ver­liebt war – bere­its deut­lich gemacht hat­te, dass mit ihr nicht mehr als „ein fre­und­schaftlich-kam­er­ad­schaftlich­es Zusam­men­leben“ möglich sei (Anfang 1893 näm­lich), da er sich mitunter ger­adezu vor ihren „Bevor­mundun­gen“ fürchtete. Der auch im Pri­vat­en dom­i­nante Mahler suchte offenkundig eine wil­lenss­chwächere Frau, scheint sich aber erst im Spät­som­mer 1901 bewusst von Bauer-Lech­n­er getren­nt zu haben.
Neben diesen psy­chol­o­gisch wertvollen Ein­blick­en enthält die Kor­re­spon­denz natür­lich auch reich­lich Allzu­men­schlich­es. Haupt­the­ma ist immer wieder die Gesund­heit, weniger diejenige Mahlers als die sein­er Schwest­er, um die er sich per­ma­nent Sor­gen machte. Ander­er­seits wer­den durch diese und unzäh­lige andere pri­vate Details sehr plas­tisch die per­sön­lichen Leben­sum­stände Mahlers und sein­er Zeit deut­lich, die er mal mit iro­nis­chem, mal mit verärg­ertem Ton kom­men­tiert. Es ist der vor­bildlichen Arbeit des Her­aus­ge­bers und seines deutschen Redak­teurs zu danken, dass diese Quellen jet­zt in ein­er über­aus gewis­senhaft annotierten und bestens zugänglichen Aus­gabe vor­liegen. Ein Muss für jeden Mahle­ri­an­er und eine nach­drück­liche Empfehlung für jeden, der sich für die Leben­sum­stände der Jahrhun­der­twende inter­essiert.
Jörg Rothkamm