Werke von Luciano Berio, Elliott Carter, György Kurtág und Jan Müller-Wieland

Libero, fragile

Elisabeth Kufferath (Violine & Viola)

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Genuin GEN 17456
erschienen in: das Orchester 09/2017 , Seite 78

Die bei­den dem Titel ein­er Kom­po­si­tion von Jan Müller-Wieland entstam­menden adjek­tivis­chen Bes­tim­mungen „libero“ („frei“) und „frag­ile“ („zer­brech­lich“), mit denen Elis­a­beth Kuf­ferath ihre CD über­schreibt, beze­ich­nen zwei der her­vorstechend­sten Qual­itäten aller hier ver­sam­melten Stücke für Solovi­o­line und Solovi­o­la und ver­weisen daher auf den roten Faden der Pro­duk­tion.
Ger­adezu exem­plar­isch trifft in Luciano Berios Sequen­za VIII für Vio­line (1976) das scharf akzen­tu­ierte, zunächst wie impro­visiert wirk­ende gestis­che Spiel auf eine flächig ent­fal­tete, dynamisch zurück­hal­tend gestal­tete Klang­welt voller fil­igraner Flau­ta­to-Wirbel, was als Auf­takt für eine immer strenger wer­dende Durch­dringung bei­der Aus­druck­sebe­nen des Vor­trags dient. Das fast zehn Jahre zuvor kom­ponierte Schwest­er­w­erk Sequen­za VI für Vio­la (1967) wiederum ist ein Parade­beispiel dafür, wie Berio sein­erzeit den vielerorts zum klan­glichen Klis­chee gewor­de­nen Charak­ter der Vio­la als Instru­ment für instru­men­tale Kla­gen ein­er radikalen Befra­gung unter­zog und durch Forderung ener­getis­chen, extrem vir­tu­osen und dem Melodis­chen sich fast voll­ständig ver­weigern­den Spiels dekon­stru­ierte.
Indem Kuf­ferath ihre CD mit ein­er elek­trisieren­den Gegenüber­stel­lung dieser groß dimen­sion­ierten Schlüs­sel­w­erke eröffnet, gibt sie die Gan­gart für den weit­eren Ver­lauf vor. Zunächst fol­gen Elliott Carters wesentlich knap­pere Kom­po­si­tio­nen Mnemosyné für Vio­line (2011) und Fig­ment IV für Vio­la (2007), danach bre­it­et die Inter­pretin eine Auswahl von neun Minia­turen aus Györ­gy Kurtágs an unter­schiedliche Stre­icherbe­set­zun­gen vom Solis­ten bis zum Sex­tett delegierte Samm­lung Signs, Games and Mes­sages (1961–2005) vor dem Zuhör­er aus. Mit fein­er, ständig chang­ieren­der Klang­far­benge­bung fol­gt sie dem Netz von Anspielun­gen, das der Kom­pon­ist in diesen Apho­ris­men aus­ge­wor­fen hat, und überzeugt dabei – greif­bar etwa in dem der Vio­la anver­traut­en, voller sub­til­er Glis­san­di steck­enden Par­lan­dos­til von In Nomine – all’ongherese, im Klagecharak­ter des Vio­lin­stücks Doloroso oder in den Bartók-Allu­sio­nen der tänz­erischen Caren­za Jig – durch sorgfältig abgestufte und tech­nisch saubere Umset­zung der musikalis­chen Nuan­cen.
Den Abschluss der Pro­duk­tion bilden zwei Kom­po­si­tio­nen Jan Müller-Wielands: Dem Vio­lin­stück Libero, frag­ile (2002), getren­nt auf­führbare Kadenz des Vio­linkonz­erts Bal­lad of Ariel, fol­gt das in Bezug auf die Grifftech­nik her­aus­fordernde Vio­lastück Him­melfahrt (2002), das der Kom­pon­ist für Kuf­ferath geschrieben hat. Sein im Book­let zitiertes Dik­tum, bee­in­flusst habe ihn dabei „die sou­veräne Ökonomie, die große Ruhe und Ele­ganz, zugle­ich die bril­lante Tech­nik und die fabel­hafte Into­na­tion“ der auf Vio­line und Vio­la gle­icher­maßen ver­sierten Inter­pretin, kann man denn auch ohne Wider­spruch als Gesam­turteil für diese außeror­dentlich span­nende Pro­duk­tion gel­ten lassen.
Ste­fan Drees