Frank Heidlberger/Gesine Schröder/Christoph Wünsch (Hg.)

Lexikon des Orchesters

Orchester und Ensembles weltweit – Geschichte der Aufführungspraxis – Komponisten und Dirigenten – Orchesterpraxis, 2 Bde.

Rubrik: Rezension
Verlag/Label: Laaber
erschienen in: das Orchester 6/2022 , Seite 63

Eine Welt in zwei Bän­den. In mehr als 900 Artikeln wer­den Orch­ester und Ensem­bles mit ihrer Geschichte, zahlre­iche Kom­pon­is­ten, Akteure jeglich­er Couleur, sog­ar Län­der beschrieben. „Das Orch­ester“, so die drei Herausgeber:innen Frank Hei­dl­berg­er, Gesine Schröder und Christoph Wün­sch, sei nicht nur „Mate­r­i­al der Sin­fonie“, es ist selb­st Han­del­nder in einem Spiel, von innen betra­chtet gar eine „Dimen­sion“. Zudem ist das Lexikon dem Zusam­men­spiel zwis­chen den „Spiel­ern und Diri­gen­ten“ gewid­met. Bevor näm­lich ein Ton gespielt wird, existiert das Orch­ester auch als „Ansamm­lung sein­er früheren Auftritte im Kopf der mehr oder weniger erfahre­nen Hörer“.
Außer­dem weisen die Herausgeber:innen darauf hin, dass das Orch­ester zudem ein Sozial­ge­füge sei, welch­es als „kün­st­lerisches Medi­um eine Vielzahl kom­mu­nika­tiv­er Iden­titäten spiegelt“. Wer ein­mal als Spieler:in in einem Orch­ester mitwirk­te – gle­ich ob als Laie oder als Profi –, weiß das aus eigen­er Erfahrung. Und obgle­ich es ein sehr autoritäres Gefüge hin zum lei­t­en­den Inter­pre­ta­tor repräsen­tiert, erweise sich kaum eine Kun­stin­sti­tu­tion als so anpas­sungs- und wider­stands­fähig gegen kur­zlebige Moden.
Fern­er bew­ertet das Lexikon kri­tisch viele Aspek­te des Kul­turbe­triebs wie Stel­len­ab­bau und Konkur­ren­zver­hal­ten in Bezug auf andere Kun­strich­tun­gen, die von außen auf das Orch­ester ein­drin­gen, beschreibt fak­tenori­en­tiert und posi­tion­iert sich in ver­schiede­nen Kon­tex­ten. Den­noch ist den Herausgeber:innen auch klar, dass ein Orch­ester in all seinen Erschei­n­ungs­for­men nicht bis ins Let­zte beschrieben wer­den kann. Das Lexikon gibt trotz sein­er Fülle nur einen Ein­blick in diese kom­plexe Welt.
Da find­en sich nicht nur die üblichen phil­har­monis­chen Orch­ester der Erde und ihre jew­eils bemerkenswerte Geschichte, son­dern auch Artikel über Bla­sor­ch­ester, Ban­do­neonorch­ester, Ensem­ble­musiken in den jew­eili­gen Epochen, Damenorch­ester etc. Exo­tis­che Beze­ich­nun­gen wie „Jan­itscharen­musik“ und Game­lanorch­ester sind genau­so zu ent­deck­en wie Wis­senswertes über Kinder- und Zitherorch­ester oder Posaunen­chor. Enthal­ten sind die gängi­gen Orch­es­terin­stru­mente, aber auch Orgel und Klavier, sowie die heute weniger gebräuch­lichen Instru­mente wie Ser­pent oder Ophik­leïde. Allerd­ings sucht man den Zink vergeblich.
Über Noten, Par­ti­tur oder die the­o­retis­che Lit­er­atur wie Orches­tra­tionslehren find­en sich wis­senswerte Pub­lika­tio­nen. Dann endlich die Akteur:innen selb­st: Sog­ar die vielfälti­gen Auf­gaben eines Orch­ester­warts, des Orch­ester­vor­stands bis hin zu ver­stor­be­nen oder noch leben­den Maestri wur­den berück­sichtigt. Der Artikel „Probe­spiel, die kün­st­lerische Ein­trittskarte in das Trau­morch­ester“ beschreibt Proze­dur und assozi­iert Hoff­nung und Äng­ste. Und nicht zulet­zt ste­hen die Komponist:innen – die Lieferant:innen musikalis­ch­er Glück­seligkeit – im Fokus des Inter­ess­es. Ein Anhang mit her­rlichen Bildern von Orch­estern run­det das Lexikon ab.
Wern­er Bodendorff