Hector Berlioz

Les Nuits d’Été

Sechs Lieder nach Gedichten von Théophile Gautier, Fassung für Mezzosopran und Bläserquintett für Mezzo- sopran und Klavier (1841), Partitur und Stimmen

Rubrik: Noten
Verlag/Label: Schott, Mainz
erschienen in: das Orchester 07-08/2018 , Seite 60

Henk de Vlieger erhielt 2008 den Auf­trag, den her­rlichen, aus sechs Liedern beste­hen­den Liederkreis Les Nuit d’Été von Hec­tor Berlioz für Bläserquin­tett zu arrang­ieren. Er führte die Arbeit aus – jedoch löste sich mit einem Mal alles auf und die Arbeit lag über Jahre brach. Der Arrangeur machte sich sog­ar die Mühe, je nach Charak­ter der Lieder die Farb­palette mit der Bassklarinet­te (Nr. 3), mit der Oboe d’amore (Nr. 2) und dem Englis­chhorn (Nr. 3, 4, 5) zu erweit­ern. Erst 2014 kon­nte de Vlieger mit der Auf­führung zweier Lieder Hoff­nung schöpfen, zwei Jahre später im März fand dann endlich die „erfol­gre­iche Urauf­führung des gesamten Zyk­lus“ statt und nun liegt auch die Aus­gabe
in vor­bildlich­er Ausstat­tung vor.
Zwar fragt sich der Arrangeur und Her­aus­ge­ber in seinem vier­sprachi­gen, sehr knapp gehal­te­nen Vor­wort, warum Berlioz diese Lieder nicht selb­st für dieses Ensem­ble arrang­iert hat, geht der Frage jedoch lei­der nicht ern­sthaft nach. Die Frage ist zunächst dur­chaus berechtigt, wenn auch Berlioz die 1832 ver­ton­ten Lieder 1843 (Nr. 3) und 1856 in sein­er unverkennbaren Art orchestri­erte.
Von eini­gen zaghaften Ver­suchen, die Gat­tung des Stre­ichquin­tetts auf Bläs­er zu über­tra­gen, gab es, abge­se­hen von einzel­nen Bläserser­e­naden, -diver­ti­men­ti sowie Har­moniemusiken, diese Beset­zung nicht. Erst in den 1820er Jahren ver­half der in Prag geborene Anton Reicha dem Bläserquin­tett zu einiger Pop­u­lar­ität. Sein Ziel war, die Bläser­musik auf die Stufe der Stre­icher­musik zu stellen. Zeit­genös­sis­che Rezensen­ten schwärmten gar von Reichas Bläserquin­tet­ten: „Sie sind unstre­it­ig das Vol­len­deste… Wenn es möglich wäre, Haydn in der Quar­tet­ten- und Quin­tet­ten­com­po­si­tion zu übertr­e­f­fen, so wäre dies von Reicha geschehen.“ Deswe­gen gilt er als „Vater des Bläserquin­tetts“.
Nun war er zugle­ich Kon­tra­punk­tlehrer am Paris­er Conserva­toire, wo er unter anderem aus­gerech­net auch Hec­tor Berlioz unter­richtete und wo seine „neue Musik“ von seinem Schüler begeis­tert aufgenom­men wurde. Berlioz erin­nerte sich in sein­er Auto­bi­ografie noch 40 Jahre später an seinen Lehrer, zweifelte aber, ob diese Gat­tung tat­säch­lich so mod­ern wäre: „Reicha kan­nte wohl die Eige­nart der meis­ten Blasin­stru­mente, aber ich bezwei­fle, dass er über ihre Verteilungsmöglichkeit­en… sehr fortschrit­tliche Gedanken gehabt hat. Seine Quin­tette für Blasin­stru­mente erfreuen sich mehrere Jahre hin­durch in Paris ein­er gewis­sen Beliebtheit.“ Es seien etwas küh­le Kom­po­si­tio­nen.
Dass Berlioz aber ein Bläserquin­tett mit ein­er Singstimme beset­zt hätte, ist unwahrschein­lich, da schon allein ästhetis­che Empfind­un­gen dage­gen gesprochen haben. Man denke nur an den Skan­dal, den Arnold Schön­berg aus­löste – immer­hin 1908 –, als er sein zweites Stre­ichquar­tett op. 10 mit ein­er Singstimme beset­zte. Trotz­dem liegen hier sehr far­big ver­tonte Lieder in Druck vor, die hof­fentlich viele in ihr Reper­toire aufnehmen.
Wern­er Boden­dorff