François Couperin

Les Nations

Les Talens Lyriques, Ltg. Christophe Rousset

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Aparte AP197
erschienen in: das Orchester 07-08/2019 , Seite 66

Couperin wagte 1762 mit Les Nations einen Blick über die Gren­zen seines Lan­des. Dabei war das abso­lutis­tis­che Frankre­ich des 18. Jahrhun­derts poli­tisch und kul­turell die führende Macht in Europa. Seine höfis­che Kul­tur wurde auf dem gesamten Kon­ti­nent verehrt und nachgeahmt. Insofern spiegelt der Titel dieses Zyk­lus eine poli­tis­che Entwick­lung voraus, die nach der franzö­sis­chen Rev­o­lu­tion in Gang kom­men und seit­dem nicht mehr verebben sollte: die Nation­al­isierung Europas.

Couperin hat Kam­mer­musik für Lud­wig XIV. kom­poniert, sehr pri­vate Musik im Gegen­satz etwa zu den Repräsen­ta­tion­s­musiken sein­er Zeitgenossen Lul­ly oder Rameau. So liegt sein Schw­er­punkt auch auf der Musik für Tas­tenin­stru­mente. Ins­beson­dere für das Cem­ba­lo hat er zahlre­iche bis heute viel gespielte Werke geschrieben, Orch­ester­musik im eigentlichen Sinne ist von ihm nicht über­liefert. Dem inni­gen Charak­ter trägt Christoph Rous­set mit seinem Ensem­ble Les Tal­ens Lyriques schon durch die sparsame Beset­zung mit zwei Instru­menten pro Stimme Rech­nung.

Wie auch für seine Cem­ba­lo-Suit­en ver­wen­det Couperin für die vier Teile des Instru­men­talzyk­lus qua­si-pro­gram­ma­tis­che Über­schriften: „La Françoise“, „L’Espagnole“, „L’Imperiale“ und „La Pié­mon­toise“. Die erst hun­dert Jahre später entste­hen­den Nation­al­staat­en Deutsch­land und Ital­ien wer­den noch umschrieben. Die so betitel­ten Teile sind keine in sich abgeschlosse­nen „nationalen“ Stilübun­gen, son­dern sie kom­men auf den ersten Blick in einem ein­heitlichen tra­di­tionellen „Kleid“ daher. Eine Suite, wie sie als Tanz­folge in Frankre­ich seit dem Ende des 17. Jahrhun­derts Gebrauch fand, bildet die Außen­haut. Im Inneren ent­fal­tet sich dann eine sehr sub­tile Kom­bi­na­tio­nen von Stilen. Der ital­ienis­che Stil zeigt sich etwa in den ern­sten Ein­gangssätzen, kolo­ri­ert durch eine expres­sive Chro­matik. Über­haupt wird jed­er Teil des Zyk­lus durch eine ital­ienis­che Sonata ein­geleit­et. Die ­Gigues aus „La Pié­mon­toise“, aber auch aus „La Françoise“, weisen stilis­tis­che Ähn­lichkeit­en mit Orch­ester­sätzen von Corel­li auf. Der „L’Imperiale“ über­schriebene Teil endet hinge­gen mit fugierten Abschnit­ten im let­zten Satz. Die frische Erin­nerung an Bach als Vertreter der damals zwar als ver­al­tet emp­fun­de­nen, den­noch sehr kun­stvoll aus­gear­beit­eten Poly­fonie im mit­teldeutschen Raum spielte hier sicher­lich eine Rolle.

Jor­di Savalls Ref­eren­za­uf­nahme mit Hes­pe­ri­on XX aus dem Jahr 1983 hat einen würdi­gen Nach­fol­ger bekom­men durch diese klan­glich her­vor­ra­gend aus­bal­ancierte und stilis­tisch sehr genau aus­ge­führte Ein­spielung.

Das Book­let zur CD enthält – neben ein­er Auflis­tung der Tracks und einem kurzen informieren­den Text in franzö­sis­ch­er und englis­ch­er Sprache – auf der Innen­seite eine Land­karte, die der His­to­rie vor­greift. Sie zeigt die europäis­chen Natio­nen in der Gestalt, wie sie mehr als hun­dert Jahre nach Couperins Les Na­tions den Kon­ti­nent prä­gen soll­ten. Ob Zufall oder Absicht: Couperins Instru­men­tal­musik galanten Stils jeden­falls war vom 19. Jahrhun­dert doch noch ein hör­bares Stück ent­fer­nt.

Karim Has­san