Erich Broy

Leopold Mozart – Komponieren in einer Zeit stilistischen Wandels

Beiträge zur Leopold-Mozart- Forschung, Bd. 6, mit Notenband

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: Wißner, Augsburg
erschienen in: das Orchester 12/2019 , Seite 59

Genies wer­fen große Schat­ten in ihre Zeit. Haydn, Mozart, Beethoven – viel mehr Wiener Klas­sik­er sind dem Konz­ert­pub­likum sel­ten bekan­nt. Deren Zeitgenossen bleiben allen­falls als Randphänomene im Gedächtnis. Ein Salieri zählt dazu, und auch ein Leopold Mozart. Am 14. Novem­ber vor 300 Jahren geboren, ist Let­zter­er derzeit wieder etwas in den Fokus gerückt mit Pub­lika­tio­nen und CD-Ein­spielun­gen.
Erich Broy bere­ichert das Jubiläumsjahr mit ein­er detail­lierten Studie zu Leopold Mozarts Kom­ponieren in ein­er Zeit stilis­tis­chen Wan­dels. Er stützt dabei die These, die schon Wolf­gang Bud­day 2016 in sein­er Unter­suchung des Frühwerks von Wolf­gang Amadé Mozart ver­trat, dass Vater Leopold sich im Unter­richt seines Sohnes vor allem auf die Veröffentlichungen der musik­the­o­retis­chen Schriften Joseph Rie­pels bezog, die er nach­weis­lich besaß.
Broy nun unterzieht Rie­pels Pub­lika­tio­nen von 1752, 1755, 1757 und 1765 mit Bezug auf Leopolds eigene Kom­po­si­tio­nen und die frühesten Werke seines Sohnes Wolf­gang Amadé ein­er genauen Unter­suchung. Er erörtert Satz­mod­elle und Har­moniemod­elle nach diesen für seine Zeit bedeu­ten­den the­o­retis­chen Grund­la­gen und kommt bei näherer Betra­ch­tung der für Leopold Mozart typ­is­chen stilis­tis­chen Eigen­heit­en nicht um mehrere Exkurse herum.
Die an vie­len Details exem­pli­fizierten Unter­suchun­gen kom­men zu dem Ergeb­nis: „Er [Leopold Mozart] ste­ht damit fest in der Tra­di­tion des 18. Jahrhun­derts“, was die zu Beginn bere­its geäußerte Ver­mu­tung „Leopold Mozarts Musik ist Gen­er­al­bass­musik“ unter­mauert. Zweit­ens: „Der Beitrag Leopold Mozarts für die Entwick­lung des Sin­foniesatzes ist nicht hoch genug einzuschätzen, da er, wie aus seinen späteren Sin­fonien ein­deutig zu erken­nen ist, den bis etwa 1764 erar­beit­eten For­men- und Formelschatz an seinen Sohn weit­er­gab.“
Zulet­zt fasst Erich Broy die „zeitlich-stilis­tis­che Entwick­lung der Sin­fonien“ im Schaf­fen Leopold Mozarts in mehrere Stil­grup­pen zusam­men: in Werke vor Erscheinen der frühen Sonate sei (1740) und den Zeitraum rund um diese Erst­pub­lika­tion; in die Jahre um 1753 bis 1755 (der Entste­hungszeit sein­er Vio­lin­schule); und schließlich in das Jahr 1764, der let­zten Schaf­fen­sphase des Kom­pon­is­ten Leopold Mozart, der sich danach fast auss­chließlich der Entwick­lung sein­er Kinder wid­mete.
Broy arbeit­et die stilis­tis­che Veränderung in Leopold Mozarts Schaf­fen gewis­senhaft her­aus, er muss aber doch die Antwort auf die Frage schuldig bleiben: Was hat den Kom­pon­is­ten defin­i­tiv dazu bewegt? Waren es wirk­lich nur die Schriften Rie­pels, oder nicht genau­so etwa die Vio­lin­schulen Gem­ini­a­n­is (1751) oder Tar­ti­nis (1754), ja die Musik der Ital­iener überhaupt? Stil­wan­del ist eine Ereig­nis, das sich aus vie­len Einflüssen nährt. Es allein auf die Beschäftigung mit the­o­retis­chen Schriften zu beschränken, greift da sich­er zu kurz.
Matthias Roth