Silke Leopold

Leopold Mozart: „Ein Mann von vielen Witz und Klugheit“

Eine Biografie

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: Bärenreiter/Metzler
erschienen in: das Orchester 03/2020 , Seite 59

Fiele nicht sein drei­hun­dert­ster Geburt­stag ins Jahr 2019, so wäre wohl dieses Buch nicht ent­standen: Silke Leopolds Würdi­gung Leopold Mozarts, dessen Leben bish­er meist lediglich im Kon­text der Biografie seines Sohnes Wolf­gang Amadeus betra­chtet wurde. Eine eigene Mono­grafie über Leopold Mozart legte bish­er nur Erich Valentin im Jahr 1987 (anlässlich dessen zwei­hun­dert­sten Todestages) vor, und umso begrüßenswert­er ist es, dass nun ein weit­er­er Ver­such vor­liegt, den Vater eigen­ständig ins Blick­feld zu rück­en.
Dass sich in der Biografie Leopold Mozarts trotz allen Forscher­fleißes die eine oder andere Lücke auf­tut, ver­sucht Silke Leopold gar nicht erst zu kaschieren. Wie sich der Wech­sel des Buch­binder­sohns vom heimatlichen Augs­burg nach Salzburg und zum Musiker­beruf genau vol­l­zog, oder wie Leopold Mozart seine Gat­tin ken­nen­lernte, muss im Nebel des „Wir wis­sen es nicht“ bleiben. Was auf Basis der über­liefer­ten Quellen jedoch klar darstell­bar ist, ist ein Charak­ter­porträt des Mozart-Vaters.
Die Autorin zeich­net Leopold Mozart als facetten­re­iche Per­son: als from­men Katho­liken, der den­noch per­sön­liche Kon­tak­te mit der Aufk­lärung im protes­tantis­chen Nor­den Deutsch­lands knüpft; weit­er als einen Mann, der in untertäniger Stel­lung ein gutes Maß an Wider­spruchs­geist entwick­elt; und schließlich als einen leben­sklu­gen Organ­isator, was die Wun­derkind-Kar­riere seines Sohnes bet­rifft, wobei ihm nur eines nicht gelingt: diesen zu gle­ich­er Tüchtigkeit in den Geschäften des All­t­ags zu erziehen.
Fest­gestellt wird Leopold Mozarts Eigen­wert nicht allein als Ver­fass­er des Ver­suchs ein­er gründlichen Vio­lin­schule (im Kon­text ander­er Mitte des 18. Jahrhun­derts erschienen­er Instru­men­talschulen), son­dern auch als schöpferisch­er Musik­er. Deut­lich macht Silke Leopold, dass es ver­fehlt wäre, Leopold Mozart nur als Kom­pon­is­ten schnur­riger Pro­gramm­stücke wie der Musikalis­chen Schlit­ten­fahrt oder der (in der Zuschrei­bung allerd­ings unsicheren) „Kinder­sin­fonie“ zu sehen. Ein­er angemesse­nen Würdi­gung im Wege ste­ht freilich der Umstand, dass nur ein Bruchteil der im eigen­händi­gen Werkverze­ich­nis genan­nten „con­tra­punc­tis­chen und anderen Kirchen­sachen“, „Syn­fonien“, Ser­e­naden, Konz­erte und Ora­to­rien erhal­ten bzw. sich­er zuschreib­bar ist.
„Der Rat­ge­ber“, auf den der inzwis­chen in Wien lebende und gegen den Willen des Vaters ver­heiratete Sohn freilich kaum mehr hört, und „Der Groß­vater“: So über­schreibt die Musik­wis­senschaft­lerin Silke Leopold die bei­den Schlusskapi­tel über die späten Jahre Leopold Mozarts, wobei sie das gängige Bild vom vere­in­samten und ver­bit­terten Greis rev­i­diert, indem sie auf Leopolds Aktiv­itäten auch in den späten Leben­s­jahren ver­weist. Eine im Anhang enthal­tene Bib­li­ografie sowie eine überblick­sar­tige Zeittafel ergänzen dieses aus aktuellem Anlass ent­standene, aber sich­er dauer­haft wertvolle Porträt Leopold Mozarts.
Ger­hard Dietel