Dieter Riesenberger

Leopold Mozart (1719–1787)

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: Donat
erschienen in: das Orchester 03/2020 , Seite 59

Das Gedenk­jahr 2019 bescherte einige Neuer­schei­n­un­gen zum 300. Geburt­stag Leopold Mozarts. Neue Notenedi­tio­nen und CD-Auf­nah­men von bish­er kaum greif­baren Werken, aber auch zwei biografis­che Arbeit­en bere­ich­ern nun die Beschäf­ti­gung mit dem berühmten Vater, der als Kom­pon­ist und Musik­er kaum bekan­nt ist und allen­falls als Vio­lin­päd­a­goge in Erin­nerung blieb. Die Sohn-Neuer­schei­n­un­gen über­steigen auch in diesem Jahr die Vater-Neuer­schei­n­un­gen beträchtlich. Der Biograf Dieter Riesen­berg­er macht jedoch deut­lich, dass zumin­d­est Musik­er Leopold Mozart auch heute noch ken­nen. Für das bre­ite Pub­likum ist er, allen Spezialun­ter­suchun­gen zum Trotz, ohne seinen Sohn kaum denkbar.
Das unter­mauert let­ztlich auch Riesen­berg­er. Unter der Mitwirkung der Roman­istin und Ger­man­istin Gisela Riesen­berg­er fasst er zusam­men, was die Leopold-Mozart-Gesellschaft in den jüng­sten Jahren an neueren Forschun­gen her­vor­brachte. Dabei wird schon an der Länge der Kapi­tel deut­lich, dass eine solche Darstel­lung nicht ohne den Blick auf den Sohn auskom­men kann: Herkun­ft, Aus­bil­dung und Beruf­sleben Leopold Mozarts benöti­gen ganze 33 Seit­en. Dann treten schon Wolf­gang und Nan­nerl in Erschei­n­ung. Bis zum „Zer­würf­nis zwis­chen Vater und Sohn“ 1779 braucht es 136 Seit­en und bis zu Leopolds Tod sind es noch rund 50 Seit­en. Den­noch zeigt Riesen­berg­ers Buch, dass ger­ade das über­ra­gende Genie des Sohns nicht von unge­fähr kommt und seine Wurzeln in der hohen All­ge­mein­bil­dung des Vaters hat, in dessen musikalis­ch­er Gewandtheit und päd­a­gogis­chem Ein­füh­lungsver­mö­gen.
Riesen­berg­er zeigt dies an vie­len Details auf. Die Haup­tquelle hier­für sind naturgemäß die Briefe der Mozart-Fam­i­lie. Dabei ent­ge­ht der Autor nicht der Gefahr der Redun­danz, etwa wenn er die einzel­nen Sta­tio­nen der Mozarts in Ital­ien „abhakt“. Auf der anderen Seite weiß der Biograf viele Einzel­heit­en zu beleucht­en, die Leopold selb­st als tre­f­flichen Organ­isator und mit diplo­ma­tis­chen Knif­f­en geseg­neten Fam­i­lien­man­ag­er ins Licht set­zen – Tal­ente, die seinem Sohn völ­lig abgin­gen.
Misslich ist der Umstand, dass Riesen­berg­er zwar viele Quellen her­anzieht, die direk­ten Kon­takt zu Leopold Mozart bezeu­gen, dass er aber unab­hängige Beschrei­bun­gen etwa der Zustände in den Musikzen­tren selb­st, wie sie z. B. bei Charles Bur­ney zu find­en sind, kaum her­anzieht. Die Ver­hält­nisse in Salzburg und Augs­burg allerd­ings ken­nt Riesen­berg­er genau, und das ist entschei­dend für die Schilderung von Leopolds Leben. Denn das meiste, was mit Wolf­gang zu tun hat, ist bekan­nt. Die Per­son Leopold dro­ht dahin­ter fast zu ver­schwinden.
Umso dankbar­er liest man die den Band beschließen­den „Aspek­te“, die auf beina­he 100 Seit­en the­ma­tisch zusam­men­fassen, was im vorderen Teil des Buchs oft wenig greif­bar ist: Leopolds Gesel­ligkeit und Fröm­migkeit, sein poli­tis­ches Denken sowie die wirk­lich europäis­che Bedeu­tung sein­er Vio­lin­schule (1756). Auch eine Ein­schätzung des Hof­musik­ers und Kom­pon­is­ten in Salzburg machen diese Pub­lika­tion zu einem wichti­gen Beitrag zum Leopold-Mozart-Jahr.
Matthias Roth