Eichhorn, Andreas (Hg.)

Leonard Bernstein und seine Zeit

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: Laaber
erschienen in: das Orchester 11/2017 , Seite 58

Stetig wächst die ver­di­en­stvolle Rei­he „Große Kom­pon­is­ten und ihre Zeit“ im kleinen, aber feinen Laaber-Ver­lag. Jüng­stes Pro­dukt ist der Band über Leonard Bern­stein, für den der an der Köl­ner Uni­ver­sität lehrende Musik­wis­senschaftler und -päd­a­goge Andreas Eich­horn als Her­aus­ge­ber und Teilau­tor ver­ant­wortlich zeich­net. Ihm ist es her­vor­ra­gend gelun­gen, mit ein­er viel­seit­i­gen Samm­lung von Einzel­beiträ­gen ein facetten­re­ich­es Porträt des Jahrhun­dert­musik­ers Bern­stein zusam­men­zu­tra­gen.
So run­det sich auf überzeu­gende Weise aus Einzel­bausteinen das Pro­fil eines einzi­gar­ti­gen All­round­musik­ers, von dem alle wesentlichen Aspek­te sein­er vielfälti­gen und wel­tumspan­nen­den Aktiv­itäten zur Sprache kom­men. Dass diese Würdi­gung nicht auss­chließlich eupho­risch gerät, son­dern dur­chaus auch den einen oder anderen (berechtigten) kri­tis­chen Unter­ton zulässt, ist beson­ders her­vorzuheben. Mit ein­er einzi­gen Aus­nahme zeich­nen sich die Beiträge durch das weit­ge­hende Fehlen eines wis­senschaftlich-elitären Jar­gons aus; stattdessen ergänzen sie sich durch­weg in ihrer flüs­si­gen und sach­be­zo­ge­nen Dik­tion.
Sehr durch­dacht und sin­nvoll erscheint auch die Auswahl der The­men und ihre Anord­nung: von all­ge­meinen zeit­be­zo­ge­nen Betra­ch­tun­gen etwa zur amerikanis­chen Musik und zu Bern­steins Ver­hält­nis zum Juden­tum über eine Rei­he von Einzel­beiträ­gen zu Bern­steins Schaf­fen und zu sein­er immensen musikalisch-prak­tis­chen und musikpäd­a­gogis­chen Wirkung bis hin zu sein­er beson­deren Beziehung zu einzel­nen Men­schen, Ensem­bles und auch Orten wie Wien oder Israel. In einem Anhang fügen sich naht­los einzelne stärk­er ana­lytis­che Auf­sätze zu Einzel­w­erken an; sie bemühen sich alle erfol­gre­ich um Ver­ständlichkeit, ohne über­mäßig musik­wis­senschaftlich­es Spezial­is­ten­tum vorauszuset­zen oder her­vorzukehren. Ergänzt wird das Ganze durch eine gute Auswahl an Abbil­dun­gen.
Wenige Ein­schränkun­gen müssen jedoch ange­sprochen wer­den: Der Auf­satz von Frédéric Döhl („Eklek­tizis­mus: Can­dide und Mass“) hätte in sein­er gespreizten und phasen­weise fast unver­ständlichen Bemühtheit drin­gend ein­er gründlichen Über­ar­beitung bedurft („Eklek­tizis­mus ist […] ein heik­ler Begriff. Dem muss man sich bewusst sein“), zumal Döhl auf die bei­den Werke kaum näher einge­ht, son­dern sich fast nur in wolki­gen Aus­las­sun­gen über Eklek­tizis­mus erge­ht.
Ein zweit­er Ein­wand bet­rifft Grund­sät­zlich­es: Die zunehmende exis­ten­zielle Not­lage vor allem klein­er Ver­lage führt lei­der immer häu­figer dazu, dass man offen­sichtlich am Lek­torat sparen muss. So kommt es zu manchen ärg­er­lichen Druck­fehlern. Und warum nur wer­den dem inter­essierten Leser Infor­ma­tio­nen zu den einzel­nen Autoren voren­thal­ten?
Ins­ge­samt aber schmälern diese kleinen Bedenken nicht die Bedeu­tung dieses infor­ma­tiv­en und umfassenden Lebens­bildes, das sich würdig in die gesamte Rei­he ein­fügt.
Arnold Wern­er-Jensen