Milan Turković

Lebensklänge

Eine Erinnerung

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: Ibera, Wien
erschienen in: das Orchester 01/2020 , Seite 62

Die Fagot­tbläs­er sind im Grunde gut­mütig, äußer­lich schein­bar lichtscheu und einge­zo­gen, aber orig­inell und wun­der­lich, humoris­tisch unter Bekan­nten.“ Diese Beschrei­bung aus der Neuen Musikzeitung von 1882 trifft auf Milan Turković, den her­aus­ra­gen­den öster­re­ichisch-kroat­is­chen Musik­er, bewun­dert als Fagot­tist und respek­tiert als inter­na­tion­al gefragter Diri­gent, nur zum Teil zu.
Lichtscheu war er nie, im Gegen­teil: Nach dem von ihm selb­st gewählten Ende sein­er Kar­riere als Fagott-Solist hat er sich der Schrift­stellerei zuge­wandt. 2019, im Umfeld seines 80. Geburt­stags ist nun sein mit­tler­weile fün­ftes Buch erschienen. Waren seine bish­eri­gen lit­er­arischen Werke, die für Musik­lieb­haber äußerst amüsant zu lesen sind, eher Ein­blicke hin­ter die Kulis­sen des pro­fes­sionellen Musik­be­triebs, oder musikalis­che Tage­büch­er mit pikant servierten Anek­doten, so ist Leben­sklänge sein per­sön­lich­stes Buch, das uns teil­haben lässt an den auto­bi­ografis­chen Bericht­en des Men­schen Milan Turković.
In den ersten Kapiteln beschreibt er seine Kind­heit in Zagreb inmit­ten des Zweit­en Weltkriegs, sein­er Geburtsstadt. Seine „Mut­ter Courage“ Irm­gard Over­hoff-Turković eine erfol­gre­iche Sän­gerin, war nach dem frühen Tod seines Vaters die wichtig­ste Bezugsper­son. 1948 zog die Fam­i­lie nach Wien, ein Teil der Woh­nung wurde an Kün­stler ver­mi­etet. Der Rhein­län­der Fritz Zaum lehrte ihn dort das Dirigieren und er erwarb Ken­nt­nisse, von denen er bis heute prof­i­tiert. Zum Fagott kam Turković an der Wiener Musikakademie. Man emp­fahl ihm ein Instru­ment, auf dem die Beruf­schan­cen am größten waren.
Seine Erin­nerun­gen erzählt Turković nicht chro­nol­o­gisch. Er springt durch ver­schiedene Zeit­ebe­nen, nimmt die Leser­schaft mit zu seinen Engage­ments bei der Phil­har­mo­nia Hun­gar­i­ca, den Bam­berg­er Sym­phonikern, den Wiener Sym­phonikern und in die Entste­hungszeit des Ensem­ble Wien-Berlin. Und immer wieder geht er ins Pri­vate: Das berührende Kapi­tel über die Liebe seines Lebens, die promi­nente Eiskun­stläuferin und Fernsehmod­er­a­torin Ingrid Wen­del, liest sich wie ein einziger Liebes­be­weis. Alter­sweise ver­ar­beit­et er an anderen Stellen des Buchs per­sön­liche Nieder­la­gen und schildert das Gefühl des Älter­w­er­dens.
Als Pro­fes­sor lehrte Milan Turković am Mozar­teum in Salzburg und an der Uni­ver­sität für Musik in Wien. Mit pas­sion­iert­er Ehrlichkeit beschreibt er das Wesen seines Unter­richts. Dreh- und Angelpunkt des Musik­studi­ums ist für ihn die Entwick­lung der kün­st­lerischen Per­sön­lichkeit. Gegen­seit­ige Inspi­ra­tion war sein Katalysator; blieb diese aus, fühlte er sich schnell fehl am Platz. Viele sein­er Studieren­den spie­len heute an den „vorderen Pul­ten“ von Spitzenorch­estern. Und inspiri­eren kann er immer noch.
Leben­sklänge ist somit ein sehr unter­halt­sames Buch, welch­es aber auch zum Nach­denken anregt. Alles, was er erre­icht hat, hat Turković sich hart erar­beit­et. Glück, so sein beschei­denes Cre­do, sei neben sein­er Begabung ein entschei­den­der Fak­tor seines Erfol­gs gewe­sen. Man darf ges­pan­nt sein, welche Pro­jek­te er als Näch­stes ange­ht.
Hol­ger Simon