Mozart, Wolfgang Amadeus

Le nozze di Figaro

3 CDs

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Sony Classical 88883709262
erschienen in: das Orchester 09/2014 , Seite 79

Anderthalb Stun­den Musik rasen bekan­ntlich seit 1977 auf ein­er gold­e­nen Schallplat­te durchs All, darunter die Arie der Köni­gin der Nacht. Welche Mozart’schen Höhen­flüge wür­den wir heute auf die Reise schick­en, von den emo­tion­al­sten, den „men­schlich­sten“ Momenten der Welt­geschichte zu kün­den? Es emp­fiehlt sich Teodor Cur­rentzis’ neuer Figaro, der auf drei kleinen, sil­ber­nen Scheiben ins Haus kommt, zusam­men mit einem dreis­prachi­gen, über 300-seit­i­gen Pro­grammheft. Glückss­chauer schon beim ersten Anspie­len: Die Ouvertüre umschwärmt und verzehrt den unbe­darften Hör­er wie eine hun­grige Löwin. Die Musik knallt, sie fet­zt, sie het­zt, sie bebt und pulsiert, niemals roh, eher nackt und in aller Lei­den­schaft. Jede Phrase ist beson­ders. Wo immer man genauer hin­hört: gepf­ef­ferte Bläs­er-Artiku­la­tion, hüpfende Punk­tierun­gen, kaum Sänger-Vibra­to, die sub­tilen Witze, die das Ham­merklavier in den Rez­i­ta­tiv­en reißt: Alles ist indi­vidu­ell, taufrisch, das Pro­gramm­buch nen­nt es „kom­pro­miss­los“.
Einzi­gar­tig sollen die Bedin­gun­gen der Pro­duk­tion gewe­sen sein. Kom­pro­miss­los erscheint schon die Geschichte, die ihr voraus­ging. Möglich wurde das Pro­jekt durch einen kul­turbegeis­terten Gou­verneur. 2011 trug er dem jun­gen griechis­chen Diri­gen­ten die Stelle des Kün­st­lerischen Leit­ers am dahindäm­mern­den Opern­haus von Perm an (siehe auch den Beitrag in das Orch­ester 3/13, S. 32–35). Cur­rentzis bat, sein in Nowosi­birsk gegrün­detes Orig­i­nalk­lan­gensem­ble mit­brin­gen und es noch auf­s­tock­en zu dür­fen. Ein Ölmag­nat half, den Traum Wirk­lichkeit wer­den zu lassen. So fliegen nun die Solis­ten aus allen Him­mel­srich­tun­gen ein, während das rus­sis­che Orch­ester, das das Per­mer The­ater die Sai­son über haupt­säch­lich bespielt, zu Hause sitzt und beobachtet, wie die Ölfarbe von der Wand blät­tert. Wohlweis­lich ver­schweigt das Bei­heft, das ohne einen kyril­lis­chen Buch­staben auskommt, die schiz­o­phre­nen Zustände vor Ort. Während Wes­teu­ropa beglückt über diesen Hör­genuss seufzt, wer­den wohl die wenig­sten Per­mer von dieser Auf­nahme erfahren, geschweige denn sie jemals zu hören bekom­men.
Mithin kann man zwis­chen den Zeilen lesen, was alles passieren muss, damit eine so zauber­hafte CD entste­ht; und vielle­icht auch, warum viele ver­gle­ich­bare Pro­jek­te so mediok­er enden. End­lose Auf­nahme­sitzun­gen soll Cur­rentzis abge­hal­ten haben (was man zumin­d­est den Sängern hin und wieder anzuhören meint); bei Musi­cAeter­na ste­ht eben nie­mand auf, deutet auf die Uhr und ver­weist auf ver­traglich fest­gelegte Zeit­gren­zen. Unpro­fes­sionell ist das? Vielle­icht. Gar nicht in die Abläufe eines west­lichen Orch­esters einzu­tak­ten? Stimmt alles. Nur, wer schafft es heute son­st noch, Musik­er so hör­bar zu enthu­si­as­mieren? Die Musik buch­stäblich zu ent­gren­zen? Dieser Figaro schnur­rt ab wie in einem Rausch, er macht neugierig, er macht süchtig.
Der kul­turver­rück­te Gou­verneur ist übri­gens längst ent­lassen. Er wurde durch einen moskau-treuen Ver­wal­ter erset­zt. Wie lange wird das Geld noch reichen in Perm?
Mar­tin Morgenstern