Goehr, Alexander

Largo Siciliano

Trio for Violin, Horn and Piano op. 91

Rubrik: Noten
Verlag/Label: Schott, London 2013
erschienen in: das Orchester 03/2014 , Seite 74

Alexan­der Goehr (geb. 1932) ist vor allem als Kom­pon­ist von Opern her­vor­ge­treten. Sein Schaf­fen umfasst auch Sin­fonien, Konz­erte und Werke für Ensem­ble. Das unlängst erschienene Trio für Vio­line, Horn und Klavier op. 91 Largo Sicil­iano wurde zum 80. Geburt­stag Goehrs am 5. Juli 2012 beim Chel­tenham Music Fes­ti­val vom Nash Ensem­ble (Mar­i­anne Thors­en, Vio­line; Richard Watkins, Horn; Ian Brown, Klavier) uraufge­führt.
Der Ein­fluss von Kom­po­si­tion­stech­niken Mes­si­aens ist zu hören (Goehr ergänzte sein Kom­po­si­tion­sstudi­um am Roy­al Man­ches­ter Col­lege of Music mit Stu­di­en bei Olivi­er Mes­si­aen in den Jahren 1955 und 1956): Die Inte­gra­tion von Modi, für Mes­si­aen typ­is­che rhyth­mis­che Notierung, zwis­chen extremen Aus­druck­swerten und dynamis­chen Gegen­sätzen wech­sel­nde Solopas­sagen rück­en das Trio in die Nähe bekan­nter Kom­po­si­tio­nen Mes­si­aens. Aber auch weit­er­er berühmter Vorgänger wird gedacht. Eine Kom­po­si­tion für Vio­line, Horn und Klavier zitiert vielle­icht Györ­gy Ligetis berühmtes Trio für Vio­line, Horn und Klavier (1982)
her­bei, erin­nert aber unweiger­lich an Johannes Brahms’ Horn­trio op. 40 (1865), selb­st wenn sie sich davon abset­zt. Zu stark war und ist die his­torische Ausstrahlung des Brahms-Trios. Eine Dis­tanzierung geschieht hier aber nicht – im Gegen­teil: Auf den drit­ten Satz des Brahms-Trios (Ada­gio mesto) in es-Moll wird in der ein­sätzi­gen Kom­po­si­tion Goehrs mehrmals ange­spielt. Nun ist der dritte Satz des Brahms-Trios eine Art Ombra-Szene: schw­er den auch leichte Ele­mente enthal­tenden 6/8‑Rhythmus (mit Sicil­iano-Anklän­gen) über­for­mend, har­monisch dunkel mal­end und fär­bend, mit der Ein­beziehung eines Naturhorns an ferne Weit­en erin­nernd. Diese Klang­welt wird aufgerufen wie diejenige Mes­si­aens, wobei bei­de amal­gamiert und trans­formiert wer­den. Goehrs Trio beschwört stel­len­weise die schw­er­mütige Aura Brahms’, set­zt sich aber davon ab.
Und noch eine weit­ere Dimen­sion tut sich auf: die Tra­di­tion des barock­en Sicil­ianos, das Schmerz und Lieblichkeit (Naturidylle) zu vere­inen sucht. Sicil­iano-Ele­mente, z.B. der charak­ter­is­tis­che unger­ade punk­tierte Rhyth­mus, sind immer wieder zu hören, wer­den aber nach ihrem Erscheinen gestört, ver­formt. Auch das Spiel mit Synkopen erin­nert an das barocke Vor­bild.
Spielan­weisun­gen sind gebräuch­lich. Nicht die einzelne Stimme stellt größere Anforderun­gen an die Inter­pre­ten, doch das Zusam­men­spiel der drei Instru­mente ist sehr dif­fizil auskom­poniert und erfordert große Aufmerk­samkeit. Wech­sel­nde Kom­bi­na­tio­nen der drei Instru­menten­far­ben, wech­sel­nde Solorollen auch, dienen der Gliederung und der Kon­trastierung. Eine for­male Ori­en­tierung ist für die Spiel­er leicht möglich, da das Trio klar gegliedert ist (Tem­powech­sel, Wech­sel der Satztech­nik etc.).
Die Par­ti­tur öffnet wom­öglich den Blick auf unter­schiedliche his­torische Dimen­sio­nen, die beim Hören nicht immer präsent sein müssen. Mehr oder weniger Bekan­ntes mag für Hör­er und Inter­pre­ten immer mal wieder auf­blitzen und sogle­ich wieder ver­schwinden.
Eva-Maria Houben