Thierry Pécou

L’Arbre aux fleurs

for 5 percussionists, Partitur und Stimmen

Rubrik: Noten
Verlag/Label: Schott
erschienen in: das Orchester 12/2021 , Seite 73

Auf der Plaza Garibal­di in Mexiko-Stadt bieten neben anderen tra­di­tionellen Musik­ern auch kleinere Grup­pen von Marim­baspiel­ern, die sich um ein einziges Instru­ment scharen, dem Pub­likum ihre Dien­ste an. Vir­tu­os verknüpfen die oft stun­den­lang spie­len­den Musik­er kom­plexe Rhyth­men mit ein­fachen Melo­di­en zu ein­er manch­mal trau­ri­gen, meist aber fröh­lichen Musik. Die Atmo­sphäre dieser Musik ist eng an das Leben der Men­schen ange­bun­den und hat oft rit­uelle Aspek­te, bere­its beim ersten Hören wirkt sie sehr ansprechend.
Dieses Phänomen der (ver­meintlich) ein­fachen Zugänglichkeit inter­essiert den franzö­sis­chen Kom­pon­is­ten Thier­ry Pécou schon lange. In sein­er Musik hat er immer wieder Bezüge zu außereu­ropäis­ch­er Musik hergestellt, seine Werke beschäfti­gen sich zum Beispiel mit den Musik­tra­di­tio­nen Afrikas oder des alten Chi­nas. Sehr deut­liche Anklänge an lateinamerikanis­che Musik find­en sich in L’Arbre aux fleurs aus dem Jahr 2010.
Dieses Auf­tragswerk der Per­cus­sions Claviers de Lyon beste­ht aus zwei einzel­nen Sätzen, deren Titel sich auf Gesänge des alten Mexiko beziehen: „Jade­perlen“ und „Auf­blühende Trom­mel“. Anknüpfend an die dor­tige Marim­ba­musik ist das Quin­tett mit Stab­spie­len beset­zt, die durch Bon­gos und den mexikanis­chen Tepon­aztli nachemp­fun­dene Holzblock­trom­meln ergänzt wer­den. Anders als in Mexiko bedi­ent hier jed­er Spiel­er sein eigenes Instru­ment. Charak­ter­is­tisch für die Kom­po­si­tion­sweise von Pécou ist es, nie direkt mit folk­loris­tis­chen Zitat­en zu arbeit­en. Stattdessen knüpft er an bes­timmte musikalis­che Para­me­ter sein­er Aus­gangsmusik an, die er kom­pos­i­torisch weit­er­führt und ver­wan­delt. Bei L’Arbre aux fleurs sind es vor allem die Klang­far­ben der Stab­spiele und die vir­tu­ose Arbeit mit melorhyth­mis­chen Pat­terns, die die Assozi­a­tion an mexikanis­che Musik erweck­en. In der Summe entste­ht eine kraftvolle und feier­liche Musik, die sich – so der Kom­pon­ist nachvol­lziehbar for­mulierend – „schwank­end zwis­chen Dorffest und Begräb­nisklän­gen bewegt“.
Thier­ry Pécou (*1965) studierte am Paris­er Kon­ser­va­to­ri­um Klavier und Kom­po­si­tion. Mehrere Aus­landsstipen­di­en führten ihn nach Kana­da, Rus­s­land, Spanien und Lateinameri­ka. Diese Reisen in andere Län­der und Kul­turen wur­den zur wichti­gen Inspi­ra­tion für sein Schaf­fen. Pécous höchst indi­vidu­elle kom­pos­i­torische Arbeit jen­seits avant­gardis­tis­ch­er Tra­di­tio­nen hat ihn über Frankre­ich hin­aus, wo er bere­its seit vie­len Jahren mit Opern- und großen Orch­ester­pro­duk­tio­nen promi­nent vertreten ist, recht bekan­nt gemacht. Für Deutsch­land sind seine Kom­po­si­tio­nen aber noch zu ent­deck­en. Die mustergülti­gen Edi­tio­nen sein­er Werke beim Schott-Ver­lag wer­den sich­er dabei helfen, den Traum des Thier­ry Pécou zu ver­wirk­lichen, in sein­er Musik die ganze Welt zum Klin­gen zu bringen.
Und auch das deutsche Pub­likum wird es zu schätzen wis­sen. Eine der­ar­tige Musik hat das Poten­zial, viele Hörerin­nen und Hör­er anzus­prechen und sie gefan­gen zu nehmen.