Arvo Pärt

Lamentate/Nekrolog/ Symphonie No. 3

Maki Namekawa (Piano), Filharmonie Brno, Ltg. Dennis Russell Davies

Rubrik: Rezension
Verlag/Label: Filharmonie Brno
erschienen in: das Orchester 7-8/2022 , Seite 68

Längst vor­bei sind die Zeit­en, in denen die neuen Klänge Arvo Pärts in kleinen Sälen vor ein­er exk­lu­siv­en Hör­erschaft aufge­führt wur­den. Spätestens seit sein­er Hin­wen­dung zu den Wurzeln der europäis­chen Musik im Mit­te­lal­ter und der Spir­i­tu­al­ität der ortho­dox­en Kirchen­musik, die zur Schaf­fung seines Tintinnab­u­li-Stils führte, eroberte sich Arvo Pärt die Aufmerk­samkeit eines großen Publikums.
Mit dem Diri­gen­ten Den­nis Rus­sell Davies verbindet Pärt eine langjährige Fre­und­schaft und musikalis­che Zusam­me­nar­beit, sowohlauf der Bühne als auch im Auf­nahmes­tu­dio. Nun hat sich Davies als Chefdiri­gent der tschechis­chen Fil­har­monie Brno erneut dem est­nis­chen Kom­pon­is­ten zuge­wandt – dies­mal in ein­er Art Rückschau von den dodeka­fo­nen Anfän­gen im Nekrolog (kom­poniert 1960) über die 1971 uraufge­führte 3. Sin­fonie bis hin zum Lamen­tate aus dem Jahr 2002. Was ursprünglich als Konz­ert gedacht war, wurde wegen der Ein­schränkun­gen des Coro­na-Lock­downs zum Studioprojekt.
Her­aus­gekom­men ist eine geballte Ladung Arvo Pärt, geleit­et von einem langjähri­gen Fre­und und Ken­ner sein­er Musik und mit der Pianistin Maki Namekawa, ein­er Part­ner­in des Diri­gen­ten. Sind das also nicht die besten Voraus­set­zun­gen für eine umfassende und tiefe Ein­sicht in den Kos­mos eines so über­raschen­den und viel­seit­i­gen Kom­pon­is­ten wie Arvo Pärt? Sollte man meinen, doch hier ent­täuscht die CD.
„Arvo Pärts Musik spricht für sich selb­st, man muss sich als Inter­pret hin­ter die Musik stellen“, so einst Den­nis Rus­sell Davies im Hin­blick auf seine Sicht auf Pärts Musik. Im Prinzip nicht ganz verkehrt, aber die Reduk­tion auf die Kargheit, der Verzicht auf eine durch­dachte Inter­pre­ta­tion, ja, der Verzicht auf die hör­bar gemachte Struk­tur und das Aufzeigen ein­er klaren Lin­ie sind nicht unbe­d­ingt dien­lich. Musik auf dem Papi­er ist und bleibt see­len­los, erst der Klang erweckt sie zum Leben und ruft beim Hören ein Echo in der Per­son des Hör­ers her­vor. Der Rück­zug hin­ter die Musik eröffnet somit keinen neuen Freiraum, son­dern lediglich Leere.
Davies fürchtet die Über­in­ter­pre­ta­tion und zieht sich selb­st ganz hin­ter das Werk zurück, doch so ganz ohne per­sön­liche Führung bleibt die Musik spröde, fängt beim Hören nicht ein und entzieht sich dem Gefühl. Und darunter lei­det dann auch die Orch­ester­führung und das Zusam­men­klin­gen mit der Pianistin. Die Spröd­heit des Klangs, das unper­sön­liche Dahin­plätsch­ern entza­ubert Arvo Pärts Lamen­ta­to und führt zu – unge­woll­ten – Län­gen, lei­der mitunter auch zu Langeweile.
Daran kann auch das rein und ohne Aus­rutsch­er intonierende Orch­ester aus Brno nichts ändern. Die Klangflächen, ganz gle­ich ob zwölftönig oder glock­enähn­lich, find­en ein­fach nicht zusam­men. Statt Zeit gestal­tend driftet Pärts Musik so schein­bar ziel­los durch die Zeit. Was bleibt ist die Erken­nt­nis, dass, wenn man nicht weiß, wo man hin will, sich auch nicht wun­dern darf, wo man am Ende ankommt.
Markus Roschinski